Das Theater als Godzilla-Trommel

20. Februar 2006, 19:39
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Starchoreografin Meg Stuart verwandelt in ihrem neuestem Stück "Replacement" die Bühne als Kunstort in ein irrwitziges Geisterhaus

Wien - Für die aus den USA stammende, Anfang der 90er-Jahre in Belgien groß gewordene und seit vergangenem Herbst nach einem dreijährigem Zürcher Intermezzo an der Berliner Volksbühne residierende Choreografin Meg Stuart ist 2006 ein Österreich-Jahr. Nachdem sie nun am Wochenende ihr jüngstes Stück Replacement im Tanzquartier Wien gezeigt hat, wird sie bereits im März wieder dorthin zurückkehren und ihr Improvisationsprojekt Auf den Tisch! vorstellen. Im Sommer folgt sie dann einer Einladung der Salzburger Festspiele - mit einer Theaterarbeit.

Sehr passend, denn Replacement ist als umfassende Kritik am Theater angelegt. Und Stuart hat ihre Passion für eindrucksvolle Bühneneinbauten von Marthalers eidgenössischer Werkstatt zu Castorf am Rosa-Luxemburg-Platz übertragen.

In der Mitte der großen Bühne der Halle E im Museumsquartier ragt ein monumentales eisernes Hamsterrad von etwa acht Metern Durchmesser auf, in dem sich ein sechseckiges Bühnenmodell dreht. Davor, auf der "richtigen" Bühne, steht ein wenig Mobiliar herum, an die Seiten sind zwei Projektionsleinwände montiert. Das Theater tritt als godzillahaft ungeheuerliche Trockenschleuder auf, in deren zwanghafter Trommel alles individuelle Streben und Leben kunstsinnig abstirbt. Die acht Tänzer und Schauspieler irren als tumbe Versuchskaninchen durch ein raffiniertes Psycholabor, in dem Regie und Gewalt mit Bestimmtheit herrschen und das seine Probanden unter allen Umständen in einem Spieldelirium gefangen hält.


Na gut, dann nicht . . .

Mitgehangen, mitgefangen: Die Starchoreografin mit dem unübertroffenen Gefühl für das Abgründige denkt nicht im Entferntesten daran, ihr Publikum mit einer auf gut Deutsch "didaktischen" Performance zu unterhalten. Für sie ist das Theater als zutiefst ambivalente Maschinerie vor allem Grundlage zur Erörterung des Abwegigen. Und da auf der Bühne kaum etwas wirklich abwegig ist, außer zuweilen die Institution selbst oder der Blick des Publikums, setzt sie genau an diesem Punkt an. "Könnte mich vielleicht jemand ersetzen?", fragt die Tänzerin Kotomi Nishiwaki ins Auditorium. Keine Reaktion. Na gut, dann eben nicht. Also verwandeln sich die paralysierten Darsteller in Roboter, und die Szenerien inner- und außerhalb des Hamsterrades werden immer tiefer in ein absurdes Trash-Horror-Ambiente gedreht. Die träge Bühnen-Bienenwabe mimt erst schiefe Ebenen und beginnt später unerbittliche Rotationen um sich selbst.

Irrlichternde Videobilder von Chris Kondek, die aus diversen Müllhalden eines David Lynch, Alfred Hitchcock, Lars von Trier und des Blair Witch Project stammen könnten, generieren Geister, die das Patientengut des Königreichs Theater narren. In der Konfrontation mit ihrer projizierten Wiedergängerin verliert eine Frau die Orientierung und ergreift verzweifelt die Flucht. Spiegel, Kamera und Soundsystem saugen alles "Authentische" aus den Tänzern, auch wenn sie mit aller Kraft dagegen zu atmen versuchen. Die Theater entzieht ihnen die Luft, und was folgt, ist kein schöner Bühnentod, sondern die langsame Agonie als Übergang in ein absurdes Zombieland.

Die elektronische Musik von Hahn Rowe wabert durch den Raum wie akustisches Ektoplasma, bis schließlich eine Horror-Rockerbande übrig bleibt, die untätig auf den Brettern, die doch immerhin die Welt bedeuten sollen, herumlungert. Erst diese finale Passivität der mit monsterhaften Gruselmasken ausstaffierten Bande von Stuarts Company Damaged Goods macht Replacement zu einem richtigen, schönen Schauerstück.

Es ist eine Gang von Spitzenkräften wie Vania Rovisco, Anna MacRae (die den weiten Sprung von Willi Dorner zu Meg Stuart mit großem Einsatz geschafft hat), Gaetan Bulourde und Abraham Hurtado. Obwohl das erst kürzlich in Berlin aufgeführte Stück noch weiterentwickelt werden muss, um das Niveau von Stuarts Vorgängerwerken alibi und Visitors Only zu erreichen, ist zu erkennen, dass die Choreografin ihren seit 16 Jahren dauernden Diskurs über die Apokalypsen der Repräsentation erfolgreich fortsetzt. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2006)

Von Helmut Ploebst
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    foto: tqw
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