Kurt Vonnegut: "Ich habe genug von mir"

23. Februar 2006, 18:30
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Der große Satiriker und Humanist rechnet in dem Buch "Mann ohne Land" nicht nur mit George W. Bush, sondern mit der Menschheit ab

Wien – "Ich war einst Eigentümer und Geschäftsführer einer Autohandlung namens Saab Cape Cod. Sie und ich gingen vor dreiunddreißig Jahren pleite." Da haben wir laut Eigeneinschätzung auch schon den Grund, warum Kurt Vonnegut, der große, inzwischen 83 Jahre alte Außenseiter der US-Literatur ("Schlachthof 5"), nie auch nur in die Nähe des bekanntlich von einer schwedischen Jury vergebenen Literaturnobelpreises kam.

Eine noch plausiblere Erklärung für Vonneguts Durchfallen bei hochseriösen Literaturinstitutionen dürften seine lakonischen Wahlsprüche sein. "Wir sind hier auf Erden, um herumzufurzen", lautet einer. "Lasst euch bloß von niemandem was anderes erzählen." Etwas ernster sollte man das Leben schon nehmen.

In Wahrheit nimmt Vonnegut, der mit dem Anti-Kriegsroman "Schlachthof 5" (1969) über seine Erfahrungen bei der Bombardierung Dresdens und anderen Endzeit-Büchern wie "Galapagos" (1985) über Jahrzehnte hinweg Klassiker der Gegenkultur verfasste, das Leben natürlich viel zu ernst. Aber, das zeigt sein trotz mehrfacher Rücktrittserklärungen soeben auf Deutsch erschienenes neues Buch Mann ohne Land wieder einmal aufs Schönste: Wenn es besonders schlimm wird, muss man dem ganzen irdischen Wahnsinn eben mit den Mitteln der Satire zu Leibe rücken.

Freilich: So finster wie in diesen kurzen, im Parlierstil niedergeschriebenen Texten über sein Leben, die politische Lage in den USA und den Rest der Welt war Vonneguts Lachen selten. Und wo anderswo in weit jüngeren Jahrgängen schon Altersmilde eingekehrt ist, präsentiert sich der Humanist aus dem amerikanischen Mittelwesten, der sein liberales Denken nie den Beschneidungen der political correctness unterwarf, immer noch als scharfer Denker im wahrsten Wortsinn.

"Unsere heiß geliebte Verfassung hat einen Makel, und ich weiß nicht, was man tun kann, um den zu beheben", meint er. Das Problem sei: "Nur Irre wollen Präsident werden. Das stimmte sogar schon in der Schule. Nur eindeutig gestörte Menschen bewerben sich um das Amt des Klassensprechers." Solche Profilneurosen waren Vonnegut stets fremd. Zu Mann ohne Land musste er gar erst überredet werden. Bei einem Interview in seiner Wahlheimat New York erzählte er kürzlich dem Spiegel: "Ich habe alles getan, was ich tun konnte. Ich habe genug von mir."

Das aus Reden, Zeitungsartikeln und Essays jüngeren Datums bestehende Buch hat der junge Verleger Daniel Simon für ihn zusammengebastelt. In Zeiten, in denen die US-Intelligenzia nach jedem Bush-feindlichen Wort dürstet, konnte Simons kleiner Verlag Seven Stories Press mit dem inzwischen über 200.000 Mal verkauften Pastiche-Band einen gar nicht so überraschenden Erfolg einfahren.

"Schäbig und faul"

Man sollte sich von ein paar launigen Ausfällen gegen Georg W. ("Unser Präsident ist Christ? Das war Adolf Hitler auch") jedoch nicht täuschen lassen. Vonnegut geht es um weit mehr als nur den Präsidenten der USA. Er zeigt gegen Ende eines langen Lebens der ganzen menschlichen Rasse die Zunge: "Wir sind wirklich abscheuliche Tiere. [...] Die gute Erde – wir hätten sie retten können, aber wir waren zu verdammt schäbig und faul." Vonneguts Weltsicht ist mittlerweile derart düster, dass es mitunter so wirkt, als hätte er seinen Humor verloren.

Wenn das Lachen doch wieder aufblitzt, handelt es sich um reinen Galgenhumor. Mann ohne Land ist das grimmige Testament eines Selbstmörders auf Raten, der seit siebzig Jahren seine filterlosen Pall-Mall-Zigaretten raucht und sich nun beklagt, immer noch nicht gestorben zu sein: "Das Allerletzte, was ich wollte, war, am Leben zu sein, wenn die drei mächtigsten Menschen auf dem ganzen Planeten Bush, Dick und Colin heißen."

Nur scheint es sich so zu verhalten: Je mehr Vonnegut an der Welt leidet, desto dringender hat die ihn nötig. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.2.2006)

Von
Sebastian Fasthuber
  •  Kurt Vonnegut: Mann ohne Land. Aus dem amerikanischen Englisch von Harry Rowohlt. Euro 12,40/ 170 Seiten,
 Pendo Verlag, München/Zürich 2006
    grafik: pendo

    Kurt Vonnegut: Mann ohne Land. Aus dem amerikanischen Englisch von Harry Rowohlt. Euro 12,40/ 170 Seiten, Pendo Verlag, München/Zürich 2006

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