Am falschen Ort zur falschen Zeit

15. Februar 2006, 21:49
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Politische Aktualität und Preis-Spekulationen: "The Road to Guantanamo" von Michael Winterbottom und Mat Whitecross

Der britische Wettbewerbsbeitrag "The Road to Guantanamo" von Michael Winterbottom und Mat Whitecross sorgt bei der Berlinale für politische Aktualität und für Spekulationen darüber, ob man es hier nun mit einem Preisanwärter zu tun hat.


Unter den A-Festivals hat Berlin einen Ruf als "politisches Festival" zu verteidigen. Dieser Titel ist ebenso glanzvoll wie schwammig, und bedauerlicherweise wird die politische Dimension eines Films meistens auf die Behandlung entsprechender Themen reduziert. Um (Panorama-)Filme wie in diesem Jahr etwa Detlev Bucks Knallhart (der in einem so genannten Problembezirk Berlins spielt) oder Annette K. Olesens 1:1 (der die scheinbar unauflösbaren Konfliktlinien in der Gegenwart eines multiethnischen Dänemark nachzeichnet) entwickeln sich denn auch Debatten. Und zwar solche, die sich, wenn diese Arbeiten in den Festivalkinos längst von neuen Filmen ersetzt wurden, draußen im wirklichen Leben noch eine ganze Weile fortsetzen.

Im Wettbewerb spielt man es, wenn schon politisch, dann gerne eine Nummer größer. Entsprechend pathetisch geraten in solchen Fällen die Pressekonferenzen, wo nicht wenige Fragen gleich mit einem Bekenntnis der Fragenden beginnen. Oder Filmschaffenden die Rolle von politischen Analysten zugewiesen wird. Dafür legt man sich am besten einen Stehsatz zu und wiederholt ihn fleißig.

Jener von Michael Winterbottom lautet derzeit: "Ich wollte nur eine ganz konkrete Geschichte erzählen." Winterbottom und sein früherer Cutter und jetziger Koregisseur Mat Whitecross erzählen in The Road to Guantanamo also von vier jungen Briten aus Tipton, Birmingham, die im Herbst 2001 nach Pakistan reisen – einer von ihnen will dort heiraten, seine Freunde an der Feier teilnehmen. Vorher machen sie noch ein bisschen Urlaub in dem Land, aus dem ihre Eltern nach England ausgewandert sind.

Chaos, Internierung

In einer Moschee in Karatschi hören sie, dass in Afghanistan Hilfe gebraucht wird. Sie reisen nach Kandahar und nach Kabul, flüchten vor den Bombardements. Einer verschwindet im Chaos spurlos, die anderen drei werden bald darauf von Soldaten der Nordallianz verhaftet und an die US-Truppen übergeben. Sie werden verhört und wieder verhört, und im Januar 2002 in ein Internierungslager nach Guantánamo ausgeflogen. Erst im März 2004 werden sie nach Großbritannien rücküberstellt und dort nach Einstellung des Verfahrens umgehend freigelassen. Auf eine offizielle Bestätigung ihrer Unschuld warten sie noch heute.

Die Geschichte der "Tipton Three" haben sich die Regisseure nicht ausgedacht. Wie viele andere hörte Winterbottom zuerst in den Nachrichten über den Fall. Er ließ sich die Geschichte dann von den Dreien persönlich erzählen und entwickelte auf dieser Basis ein Filmprojekt für Channel Four, das sich am besten als Dokudrama beschreiben lässt (mit seinem ganz ähnlich konzipierten Flüchtlingsdrama In This World holte sich der Regisseur übrigens 2003 den Goldenen Bären).

Das heißt, The Road to Guantanamo verwendet Nachrichtenschnipsel, weiters haben die Filmemacher die drei jungen Männer vor einheitsgrauem Hintergrund als klassische "talking heads" aufgenommen und schließlich das, wovon sie dabei erzählen, in Spielfilmsequenzen nachgestellt. Das alles wird im Affentempo vorgebracht. Alle zwei, drei Sekunden wird geschnitten, und das Ganze dann noch mit penetranter musikalischer Begleitung versehen.

Routinen, Schikanen

Ein Vorteil von Winterbottoms und Whitecross' Verfahren ist immerhin, dass sie die Spielfilmszenen damit quasi auch entdramatisieren, vor allem im zweiten Teil des Films, wenn es ums Leben im Internierungslager geht. Dabei wird nicht auf eine Empathie gesetzt, die sich am Anblick von (sorgfältig nachgestelltem) Leid oder vermeintlichen Einblicken in Innenleben entzündet, dafür erfährt man etwa über Routinen, Methoden und Schikanen.

Trotzdem ersetzt im Großen und Ganzen der an Michael Moore geschulte (sarkastische) Reflex die Reflexion – wenn etwa die Montage ein Politiker-Statement, wonach man in Guantánamo die "wirklich gefährlichen Al-Kaida-Leute" festgesetzt hätte, mit Aufnahmen der Protagonisten konfrontiert.

Zwei der Tipton Three saßen in Berlin auch mit auf dem Podium und wurden ein wenig als Attraktion bestaunt. "Wir wollen, dass Guantánamo geschlossen wird", sagte einer von ihnen. Für den Film wurden die Lageranlagen übrigens am Rande Teherans nachgebaut. Das nennt man dann wohl Ironie. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.2.2006)

Isabella Reicher aus Berlin
  • "The Road To Guantanamo"
    foto: berlinale

    "The Road To Guantanamo"

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