Dänemark zweifelt an seinem Selbstbild

27. März 2006, 15:32
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Nach den Mohammed-Karikaturen schockieren brennende Botschaften das Land - Wirtschaft stöhnt unter Boykott

Kopenhagen - Die Botschaften im Nahen Osten stehen in Flammen, die Wirtschaft verliert durch einen Boykott in der muslimischen Welt täglich Millionen Euro, und bei Demonstrationen von Kabul bis Kairo wird die Nationalflagge mit Füßen getreten. Dänemark ist schockiert über dem Hass, der dem traditionell als friedliebend geltenden Land wegen der Mohammed-Karikaturen entgegenschlägt. Und das Selbstverständnis des Staates ist angekratzt.

Gewaltiger Imageschaden

"Wie viele meiner Landsleute bin ich als Jugendlicher mit einer dänischen Flagge am Rucksack durch die Welt gereist", sagt Villy Soenvdal von der oppositionellen Sozialistischen Volkspartei. "Die Flagge war immer ein Türöffner, weil Dänemark als ein Land galt, das andere Menschen respektiert und andere Länder unterstützt. Die 28-jährige Studentin Lea Steen ist von den Fernsehbildern der antidänischen Ausschreitungen entsetzt. "Wir kennen es, dass israelische oder US-Flaggen verbrannt werden, jetzt sind wir plötzlich selbst betroffen."

Arla mit 1,3 Millionen Euro Verlusten pro Tag

Für die dänische Wirtschaft sind die Folgen des Aufruhrs schon schmerzhaft zu spüren. Die Lebensmittelkette Arla Foods verzeichnet wegen eines Boykotts ihrer Produkte einen Verlust von zehn Millionen Kronen (1,3 Millionen Euro) pro Tag. Der Finanzexperte Steen Bocian von der Danske Bank schätzt, der Schaden könne sich auf zehn Milliarden Kronen im Jahr summieren, sollten die Menschen in zwanzig muslimischen Ländern den Boykottdrohungen ihrer Regierungen Folge leisten. Dabei sind gar keine offiziellen Aufrufe, dänische Produkte zu meiden, notwendig. "Es wird eine immens schwierige Aufgabe, die Käufer zurückzugewinnen", sagt Arla-Sprecherin Astrid Gade Nielsen.

Die Dänen stehen darüber hinaus vor der Herausforderung, sich mit ihren eigenen Einstellungen auseinander zu setzen. Das Land betrachtet sich gerne als Ausbund an Liberalität. Gerne verweist man in Kopenhagen auf die Aufnahme von vielen tausend Immigranten in den vergangenen Jahrzehnten, auf die Bereitschaft zu Friedenseinsätzen ohne Kampfbeteiligung, auf die hohe Anzahl an dänischen Entwicklungshelfern in den Krisenregionen der Welt.

Muslime beklagen Diskriminierung

Die Muslime in Dänemark - etwa 200.000 bei einer Bevölkerung von 5,4 Millionen - teilen das Bild nicht immer. Sie beschweren sich über Diskriminierung im täglichen Leben und am Arbeitsplatz. Bestätigt sehen sie ihren Argwohn durch eine Bemerkung von Königin Magrethe II. "Der Totalitarismus, der auch ein Teil des Islams ist, hat etwas Furcht erregendes", wird sie in einer offiziellen Biographie aus dem vergangenen Jahr zitiert. "Manchmal muss man dagegen Widerstand zeigen, auch wenn man dadurch ein nicht ganz so schmeichelhaftes Bild riskiert."

In ihren Worten sehen viele Muslime eine eindeutige Ablehnung ihrer Religion. Sie fühlen sich zunehmend unwohl in einem Land, dessen liberale Sexualmoral, Säkularität und reger Zuspruch zum Bier in krassem Gegensatz zu den Vorschriften des Islams stehen. Eine weitere Anfeindung sehen sie in der Verschärfung des Einwandererrechts im Jahr 2002. Es folgten Einschränkungen für den Nachzug von Ehegatten. Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen ließ sich von einer fremdenfeindlichen Partei zur Mehrheit für das Gesetz verhelfen.

Eskalation

Die Spannungen, die seit Erscheinen der Mohammed-Karikaturen in der Zeitung "Jyllands-Posten" im September gewachsen und schließlich eskaliert sind, haben auch einige Dänen an der Liberalität ihres Landes zweifeln lassen. So sieht der Schriftsteller Carsten Jensen unter der heiteren Oberfläche eine Fremdenfeindlichkeit hervorlugen. "Ich will nicht in einem Land leben, dass auf andere herabsehen muss, um sich selbst zu lieben", sagte er auf einer Kundgebung vor dem Redaktionsgebäude der "Jyllands Posten" am Sonntag in Kopenhagen.

Die Zeitung erklärte zunächst, mit den Karikaturen gegen eine Tendenz angehen zu wollen, den Islam nicht zu kritisieren. In den Zeichnungen wird Mohammed unter anderem als Terrorist dargestellt. Nach den ersten Protesten entschuldigte sich das Blatt, Muslime beleidigt zu haben, distanzierte sich aber nicht vom Abdruck selbst. Dieser sei angesichts der Pressefreiheit zulässig. Ähnlich äußerte sich die Regierung. Fogh Rasmussen sagte, er könne sich nicht im Namen einer unabhängigen Zeitung entschuldigen. Dies hat im Nahen Osten nur noch mehr Empörung hervorgerufen, dort verlangt man eine offizielle Entschuldigung.

In Dänemark fragen sich viele, wie das Land mit seinem angekratzten Image umgehen soll, wenn die Welle der Entrüstung abgeebbt ist. "Wenn die Krise überstanden ist, müssen wir uns zusammensetzen und unsere Gedanken ordnen", sagt Oppositionspolitiker Soevndal. (AP)

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    Die Spannungen, die seit Erscheinen der Mohammed-Karikaturen in der Zeitung "Jyllands-Posten" im September gewachsen und schließlich eskaliert sind, haben auch einige Dänen an der Liberalität ihres Landes zweifeln lassen.

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