Maria Lassnig - Subtile Selbstporträts in Öl und Aluminium

20. Februar 2006, 13:54
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Im Kunsthaus Graz hängen derzeit die Bilder Maria Lassnigs neben den Skulpturen von Liz Larners - Keine zwingende Kombination

Graz - Der nackte Körper einer älteren Frau wächst in grellen Farben aus einem weißen Hintergrund, scheint fast als Skulptur herauszuspringen. Die Frau hält sich eine Pistole an die Schläfe, mit einer zweiten zielt sie auf ihren Betrachter. Du oder Ich heißt das Bild, das Maria Lassnig im Vorjahr gemalt hat. Es ist nicht nur das spektakulärste der am Freitag im Grazer Kunsthaus eröffneten Ausstellung "Zwei oder Drei oder Etwas", es ist auch ein Werk, das sinnbildlich für die Arbeit Lassnigs steht, die noch immer - die Künstlerin feiert heuer ihren 87. Geburtstag und hat in Wien gerade eine neue Wohnung bezogen - kraftstrotzend, laut und unmissverständlich ist.

"Schönmalerei" ist diesen Bildern inhaltlich wie in der teilweise geradezu brutalen Farbgebung völlig fremd. Ausgemergelte Körper mit fahlen Gesichtern, die an Edvard Munch gemahnen, sind in ein Krankenbett geschlichtet, eine eiserne Jungfrau, ein Körper, der vor Trauer glüht, oder ein am Boden hockendes "Selbst", das mit einem Drachen spielt: Die Motive, die Maria Lassnig in den letzten beiden Jahren auf Leinwand gebannt hat, ziehen den Blick mit einer Schönheit, die einen immer ein bisschen Schaudern lässt, auf sich. Menschliche, oft leicht deformierte Körper, die sich manchmal in monströse Figuren verwandeln, sind nach wie vor die Form, mit der Lassnig Wahrnehmungen, Zweifel, Ängste oder räumliche Dimensionen ausdrückt.

Feindlichkeiten in der Kunst

Für die aktuelle Ausstellung in der blauen Blase in Graz haben Peter Pakesch und sein Ko-Kurator Adam Budak die Grande Dame Lassnig mit der 1960 geborenen Kalifornierin Liz Larner zusammen gespannt. Auf den Vorschlag mit einer Künstlerin, die sie nicht einmal kannte, auszustellen, reagierte Lassnig erst skeptisch. "Ich war erstaunt und erschreckt. Noch dazu weil sie doch das Gegenteil von mir macht", erinnert sich die gebürtige Kärntnerin. Denn nach Ansicht Lassnigs, die Larner mittlerweile sympathisch findet und ihre Arbeiten zumindest in den "informellen Wurzeln" mit den ihren in Verwandtschaft sieht, sind Malerei und Installation eigentlich "Feindlichkeiten in der Kunst".

Ein Eindruck, denn die BesucherIn bei der Schau nicht bekommt. Eher könnte man von einer wenig spannungsgeladenen Nachbarschaft von zwei interessanten, in sich geschlossenen Arbeiten sprechen. So stören die verspiegelten "Zauberer" aus Aluminium und Stahl, die zerbrechenden Smiles aus Porzellan oder die Schwindel erregende, monumentale Rauminstallation Chain Perspective die Malerei nicht. Aber sonst tun sich die Werkswelten der beiden leider auch gar nichts. Feindlich wirkt hier einzig - wie so oft - der aufdringliche Innenraum des Kunsthauses. Wie ein Bauch, der damit droht, alles zu verdauen, was sich in ihm behaupten will. Die Bilder Lassnigs sind davon weniger bedroht, als Larners größere Skulpturen. Sie werden in ihrer Klarheit von den eigenwilligen Raumformen gestört.

Dafür habe Larner andere Vorteile: "Die Installationskünstler dürfen immer zuerst in den Ausstellungsraum", beschwert sich Lassnig scherzend, zudem sei sie "jung und Amerikaner". Letzteres muss nicht immer zum Vorteil gereichen, wie Liz Larner in einer Skulptur, die sie erst dieser Tage im Kunsthaus baute, beweist. Das subtile Selbstporträt ihrer Nation heißt High Strength und ist ein silber-blaues Gebilde aus Aluminiumröhren, Nylon und Messing. Es steht laut Larner für die "Lüge", die am Anfang des Irak-Krieges der Amerikaner stand. Trotz des Vorwurfs, dass Saddam Hussein Nuklearwaffen produziere, fanden Inspektoren am Ende nur "high strength aluminum tubes".

Alterslos und jung

"Als absolut alterslos und ganz, ganz jung" bezeichnet Birgit Flos, die Intendantin der Diagonale, die am 21. März in Graz startet, die Filme von Maria Lassnig. Denn die Ausstellung im Kunsthaus, das heuer auch das Zentrum des Filmfestivals seien wird, ist Teil einer Kooperation mit der Diagonale. Das gesamte filmische Werk Lassnig wird dort in neuen Kopien gezeigt. Flos hatte in den vergangenen Monaten beim Sichten hunderter Einreichungen den direkten Vergleich mit jungen und jüngsten Filmemachern und kam zum Schluss: "Ich kann mir wirklich nichts Aktuelleres vorstellen als diese Filme Lassnigs". (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, Print, 4./5.2.2006)

Ausstellung "Zwei oder Drei oder Etwas", bis 7. Mai im Kunsthaus Graz
  • Larners "Reflector Wizards" schweben im Kunsthaus vor Lassnigs "Eiserne Jungfrau und fleischige Jungfrau". Larners Irakkrieg-Statement wächst von hinten hervor.
    foto: standard/franz schachinger
    Larners "Reflector Wizards" schweben im Kunsthaus vor Lassnigs "Eiserne Jungfrau und fleischige Jungfrau". Larners Irakkrieg-Statement wächst von hinten hervor.
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