Völlig stoned mit Muammar

10. Februar 2006, 18:07
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Triumphbögen, Theater, Thermen: Libyen bringt seine antiken Schätze den Touristen näher - wenn auch noch unter Polizeiaufsicht

Röhrende Hirsche im Winterwald? Mitten in der Sahara, am Fuß mächtiger Wanderdünen? Abdul Rahin ist offensichtlich nicht ganz geschmackssicher, was europäische Touristen als authentische Innenausstattung eines Beduinenzelts durchgehen lassen. Den geschmackvollen Wandteppich mit Rotwild im Schnee eher nicht.

Beim Bewirten zeigt sich Abdul Rahin umso geschmackssicherer. Milla-Fladenbrot, frisch und warm und ganz authentisch sandig aus der Asche der Feuerstelle. Tee mit Nüssen und großzügigst Zucker im kleinen Glas, artistisch umgegossen mit weit ausgestrecktem Arm. Liegt es am Zuckerschock? Einer Theinüberdosis? Einem Minzflash? Nach ein paar Portionen, gefläzt auf die Polster, steigt die Laune im Zelt wie in der Weinbar. Der Mensch ist eben anpassungsfähig. Wo Muammar al-Gaddafi und Polizei und Islam allgegenwärtig sind, macht sich Alkohol rar und uns bald auch Tee fidel.

Kann man überhaupt nach Libyen reisen? Damit ein Regime unterstützen, das Meinungsfreiheit nicht kennen will und Menschen einsperrt, die ihren kritischen Standpunkt dennoch publizieren? Ein Regime, das beinahe ein halbes Dutzend bulgarische Krankenschwestern als Sündenböcke für miese hygienische Bedingungen in einem Kinderspital hinrichten lässt?

Der Urlaub fällt jetzt leichter

Andererseits: Haben Sie sich schon am Strand des All-inclusive-Clubs gleich nebenan in Tunesien gefragt, wie dieser Staat etwa mit Pressefreiheit umgeht? Der Urlaub fällt leichter, seit der Revolutionsführer seinem Land vor zwei Jahren die Wende westwärts vom Terrordrahtzieher zum Geiselbefreier verordnete. Er überwies Angehörigen von Anschlagsopfern an die drei Milliarden Dollar.

Er, der den Kleinhandel einmal ganz abschaffte und jeder Familie eigene Hühner empfahl (auch im Plattenbau), liberalisiert die Wirtschaft (wenn auch nicht die Politik). Am Flughafen von Tripolis dienen sich Plakattafeln schon Firmen für deren Werbung an. Im Rest des viertgrößten Landes in Afrika belegt Muammar al-Gaddafi die Flächen mit seinen Porträts und Parolen bis zum letzten City-Light. Von seiner Herrlichkeit und dem Ölreichtum des Landes haben die nur sechs Millionen Libyer nicht ganz so viel wie etwa Muammars Sohn Saadi, der zuletzt 200.000 Euro für einen Designermantel in Paris ließ und mit Bruder Mottessem für Silvester einen kompletten Strandclub in der Karibik samt Enrique Iglesias mietete.

Aber die Libyer sind versorgt: Hier wird so wenig gebettelt und so wenig nachdrücklich verkauft wie in keinem anderen Land der Region. Der Allgegenwärtige lässt westliche Ölfirmen wieder ins Land, die er nach seiner Revolution 1969 rausgeworfen hat. Touristen sind auch wieder willkommen. Ihnen bietet das Land so beeindruckende steinerne Altertümer, dass der Begriff "völlig stoned" nach einer Woche Rundtrip eine neue, durchaus positive Bedeutung bekommt.

Zum Aufwärmen

Als Aufwärmrunde ein paar Schritte durch die Altstadt von Tripolis, Moscheen, wieder mehr und mehr Geschäfte, Cafés mit der obligaten Wasserpfeife und das schon ganz imposante Tor des Marc Aurel. Ein paar Meter unter dem heutigen Straßenniveau der libyschen Hauptstadt steht es. Kein Reiseführer vergisst an dieser Stelle, auf den Schutt der Jahrhunderte

zu verweisen, der das Höhenwachstum der Stadt so vorantrieb. Zeit lassen für das Nationalmuseum, sonst brummt vor lauter Statuen und Mosaiken bald der Schädel. In der Ecke: Gaddafis revolutionärer VW-Käfer, der den jungen Offizier und seine Flugblätter durch manche Straßensperre trug.

Heute heißt es oft für solche Kontrollen halten. Zentimeterhoch der Kopienstapel unserer Reiseunterlagen, vorn beim Busfahrer für die Ordnungshüter an den vielen Schranken im Land. Gleich mit an Bord: Ibrahim, der Touristenpolizist, wie ihn jede Reisegruppe zugewiesen bekommt. Sein Bericht dürfte ob kaum vorhandener Fremdsprachenkenntnisse eher mager ausfallen. Auch Kontakt mit der Bevölkerung kann er kaum kontrollieren, wenn sich die eine oder andere Splittergruppe ins abendliche Leben von Tripolis aufmacht.

Dafür hilft Ibrahim an Polizeikontrollen, beim Kofferschleppen und spendiert den Gästen bisweilen ein Tablett gnadenlos klebriger Backwaren. Touristenpolizisten wie Ibrahim, sagt einer unserer Reiseführer, passen auch auf, dass die ausländischen Gäste keine steinernen Souvenirs aus Zeiten der Phönizier oder Römer mitgehen lassen. Die Auswahl wäre groß.

Pflichtprogramm

Leptis Magna im Osten von Tripolis, eine der riesigsten römischen Siedlungen überhaupt. Hier steht der große Bruder des Tors aus der Hauptstadt, der Triumphbogen des Septimus Severus. Deutlich kleiner, aber von keinem Guide verschwiegen: geflügelte oder mit kleinen Beinchen ausgestattete Phallusdarstellungen an Hausmauern. Die einen sagen: Glücksbringer, die anderen: Hinweisschilder für Bordelle. Auch dort soll ja mancher sein kleines Glück suchen.

Dafür bietet das Nymphäum, eines der unzähligen Heiligtümer, direkten Ausblick auf das Gymnasium, in dem sich die Herren Römer nackig ertüchtigten. Das Severus-Forum, die Basilika mit steinmetzmordenden Fitzelreliefs über die Taten des Herakles und die Freuden des Bacchus (lange vor Gaddafis Revolution), das Amphitheater und der Wagenrennplatz direkt am Meer, das Theater, Thermen. Das Sprachzentrum stellt bald auf Dauerfeuer: i-m-p-o-s-a-n-t! Beim Beruhigen hilft ein Abstecher zur luxuriösen, aber gegen Leptis eben kleinen römischen Villa Selene mit ihren Mosaiken. Sabratha im Westen von Tripolis zeigt mehr von den Phöniziern und das - schon wieder! - imposante, von den Italienern in ihrer Kolonialzeit rekonstruierte römische Theater.

Und ab in die Wüste!

Speicherburgen säumen den Weg - das noch übersichtlich-runde dieser befestigten Vorratslager von Quasr al-Hadj etwa. Die größte und chaotischere Burg von Nalut an einem Steilhang des Gebirges Djebel Nafusa. Und die Speicherburg von Cabao, dazu ein Wüstenpanorama nahe Jadu.

Und weiter, über einige Stunden, in die Oase von Ghadames. 1200 Wohnungen zählt die weiß getünchte Altstadt. Um die Hitze abzuschirmen, haben hier auch die Wege Dächer. Im Sommer kehren die inzwischen in bequemere Neubausiedlungen umgezogenen Einwohner deshalb in ihre alten Häuser zurück. Hier findet man bei Couscous mit Kamel in einer der Wohnungen auch authentisches Interieur: Große rote Muster zieren weiße Wände. Ganz ohne Hirsche. (Der Standard/rondo/3/2/2006)

Anreise:
Die Austrian fliegt fünfmal wöchentlich (Mo., Di., Mi., Do., So.) direkt von Wien nach Tripolis
Veranstalter:
Sarafea, in Österreich vertreten von Columbus Flug- & Bahntours, bietet ab 22. Februar einwöchige Rundreisen zu den genannten Sehenswürdigkeiten an
Visum:
Österreichische Staatsbürger benötigen einen noch sechs Monate gültigen Reisepass ohne israelischen Sichtvermerk. Visa organisiert der Reiseveranstalter.

Harald Fidler sah sich um und entdeckte im Tee erstaunliche Wirkungen
  • Die Speicherstadt als Spielplatz
    foto: harald fidler

    Die Speicherstadt als Spielplatz

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