Peter Weir: "Picknick am Valentinstag"

3. Februar 2006, 23:41
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Mädchen und eine Lehrerin ver­schwin­den am Hanging Rock. Spurlos. Und wer auf eine logische Erklärung wartet, wird enttäuscht werden. Großartig zeigt Weir, dass Kino eben mehr kann, als Handlungsabläufe zu konstruieren

Ein brütend heißer Tag in Victoria, Australien, im Jahr 1900. Mrs. Appleyard, die strenge Leiterin einer „Anstalt für junge Damen“, verspricht den Mädchen, die sich für ihren Picknick-Ausflug fertigmachen, dass sie heute nach Durchqueren der kleinen Ortschaft ihre Handschuhe werden ausziehen dürfen!

Ein Ereignis! Die Mädchen sind aufgeregt, nicht alle dürfen mit. Sarah zum Beispiel, ein Waisenmädchen, die in innigster Freundschaft mit der wunderschönen Miranda verbunden ist. Sie muss mit Mrs. Appleyard im Internat zurückbleiben. „Du musst lernen, auch andere Menschen zu lieben“, hatte Miranda ihr noch gesagt, „denn ich werde nicht mehr lange hier sein.“ In ihren blütenweißen Kleidern ziehen die Mädchen in einer Kutsche los. Enge Korsetts und hochgeschlossene Krägen rauben ihnen fast die Luft zum Atmen.

Begleitet werden sie von ihrer maskulin anmutenden Mathematiklehrerin Mrs. Crowe und der sanften „Mademoiselle“. Streng genommen ist das Ziel ihres Ausflugs, der Hanging Rock, nichts weiter als eine uralte Felsformation mitten im australischen Busch. Aber durch die Art und Weise, wie Peter Weir die Bilder und Szenen mit einer geheimnisvollen Spannung auflädt, spürt der Zuschauer schnell, dass es in diesem Film nicht um das geht was ist, sondern darum was sein könnte. Auf sanfte, fast zärtliche Weise sind sich die Mädchen zugetan. Ihre Anmut und Unschuld zelebriert Weir zu Anfang in komponierten, wunderschönen Posen. Wie sie sich am Morgen waschen, gegenseitig die Korsetts binden, Gedichte rezitieren und zu Panflötenklängen Blumen liebkosen, ist von einer zarten Erotik, die man kitschig nennen könnte, wäre das Szenario nicht kontrastiert durch eine bedrohliche Finsternis, die Böses ahnen lässt.

Vier der Mädchen und Mrs. Crowe werden am Hanging Rock verschwinden. Spurlos. Und wer auf eine logische Erklärung wartet, wird enttäuscht werden. Großartig zeigt Weir, dass Kino eben mehr kann, als Handlungsabläufe zu konstruieren, zu „plotten“. Für ihn ist Kino vor allem Behauptung und Atmosphäre. Vogelschwärme fliegen kreischend in Doppelbelichtungen über Mirandas sehnsüchtiges Gesicht, wenn sie voller Vorahnungen das Tor zum Picknickplatz öffnet. Und wenn vier Mädchen wenig später zu ihrer kleinen privaten Expedition aufbrechen, beginnen im Close up hunderte von Ameisen am rosaroten Zuckerguss ihrer Torte zu knabbern.

Die Mädchen werden einiges mehr ablegen als bloß ihre Handschuhe. Durch Bilder und Musik erzeugt Weir eine Spannung, die sich im zweiten Teil durch die Vielzahl der Figuren und ihrer Schicksale im Nichts zu verlaufen droht. Und doch ist dies ein Film, der lange nachhallt, weil er vom Verbotenen erzählt, von der Neugier, der Erwartung, der Vorfreude auf das Leben und das Unbekannte. Vom Überschreiten von Grenzen und den Preis, den man mitunter dafür zahlen muss. (DER STANDARD, Printausgabe)

Von Caroline Link
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche cinemathek
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