Wo Wolfgang Töne von sich gab

14. Februar 2006, 12:23
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Zwanzig "authentische" Mozart-Städte gibt es allein in Westeuropa, darunter Den Haag

Im vom Mozart-Jubiläum verdrängten Freud-Jahr wird es besonders schwierig sein, eine beliebige Europareise zu planen, ohne mit der Nase auf "Spurenelemente" des Komponisten gestoßen zu werden. Verbrachte doch das Wolferl beinahe ein Drittel seiner Lebenszeit - um präzise zu sein: 3720 Tage - auf Reisen. Besonders "gefährdet" sind heuer auch Individualisten, etwa Interrail-Reisende, wenn sie die beiden Zonen C und E erkunden wollen, die einen Großteil Mozarts Reise durch Westeuropa von Juni 1763 bis November 1766 abdecken.

Systematisiert wurden die Mozart-Routen durch zehn europäische Staaten in den letzten Jahren von "European MozartWays", indem man Städte oder Regionen, in denen Herr Amadeus mehr als nur einen Tag eine ruhige Kugel geschoben hat, mit einem vom Europarat abgesegneten Label versah. Dankbarerweise konnte man auf die Reisetagebücher von Vater Leopold und insbesondere von Schwester Nannerl zurückgreifen, um relativ nahtlos die Aufenthaltsorte nachzuvollziehen.

Wer heute keine Köchelverzeichnisse zu füllen hat, sprich: in den einzelnen Stationen keine großen Opern machen will, kann die Route der großen Westeuropareise von Salzburg über Deutschland, Belgien, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande, die Schweiz, für die Familie Mozart dreieinhalb Jahre benötigte, in 22 Tagen bewältigen - in jener Zeit, die man Besitzern eines Zwei-Zonen-Interrailtickets zugesteht.

Unerwarteter Besuch

Eine inoffizielle "Mozart-Spuren"-Reisewarnung soll aber auch jenen mit auf den Weg gegeben werden, die sich in der relativen Sicherheit wähnen, in den Niederlanden gerade noch mal an diversen Jubiläumsjahren vorbeigeschrammt zu sein. Alles falsch - denn selbst wer den Weg vom Flughafen Schipol nach Amsterdam, wo es immerhin zehn gesicherte Mozartstätten gibt, umgeht und ahnungslos und dreißigminütig nach Den Haag pendelt, wird dort - Harnoncourt sei Dank - sein Wunderkind erleben. Mozart genügte der Aufenthalt in den Niederlanden vom September 1765 bis April 1766 völlig, um dort zwölf Werke, darunter zwei Symphonien, aus dem Reisekoffer zu zaubern.

Die "Stiftung Mozart 2006 Niederlande", im Jahre 2004 unter der Schirmherrschaft von Nikolaus Harnoncourt gegründet, dankt's dem Kinde überschwänglich: Über fünfzig Mozart gewidmete Veranstaltungen monatlich stehen in den Niederlanden im Jahr 2006 auf dem Programm. Und der Gang durch Den Haag selbst könnte die "Mozarteste Versuchung" sein, seit es Themenwege gibt.

Denn wer auf Einladung von Caroline Prinzessin von Nassau-Weilburg nach Den Haag reiste, hinterließ Spuren nur in den feinsten Bezirken der Stadt: etwa in der "Voorhout", dem historischen Stadtteil Haags, dessen Substanz bis auf wenige Gebäude allerdings fast zur Gänze im 19. Jh. durch Neubauten ersetzt wurde. Immerhin die alte Klosterkirche und die "Lange Voorhout 74", heute Wohnsitz der königlichen Familie, sind noch dergestalt erhalten, wie Mozart sie gesehen hat.

Schöne Kinderarbeit

Im wesentlich älteren königlichen Palast am Noordeinde jedenfalls ist er ein- und ausgegangen, und dies wohl zum besten Zeitpunkt: Gerade als er das "Gaalimathias musicum" fertig gestellt hatte, krönte man Willem V. zum König, der sich über den Gastbeitrag des Zehnjährigen zur Tafelmusik wahrscheinlich gefreut haben dürfte. Wesentlich regelmäßiger für das Königshaus spielte Mozart jedenfalls im Binnenhof, einem der ältesten Innenhöfe der Stadt, der nach und nach komplettiert wurde und stilistisch noch Epochen mitmachen durfte, die der Komponist nicht mehr erlebte.

Dass das Wirtshaus "La Ville de Paris" heute nicht mehr existiert, in dem die Mozarts bei ihrer Ankunft in Den Haag kurz wohnten, scheint verschmerzbar, denn Vater Leopold beschreibt es in seinen Aufzeichnungen als "sehr schäbige Herberge". Dieser Umstand beschert der Stadt immerhin ein weiteres "echtes" Mozart-Wohnhaus: In Untermiete des Glockengießers Eskes zog die Familie recht bald in das Haus an der Spui Nummer 34 und blieb dort, bis Mozart und seine Schwester ernsthaft an Typhus erkrankten.

Dennoch sei "Mozart-Flüchtlingen" hier versichert, dass Den Haag keineswegs mit den Spuren seines kompositorischen Gastarbeiters prahlt - wer nicht aktiv danach sucht, wird ganz einfach daran vorbeigehen. Dass letztendlich alles eine Frage verzerrter Perspektive gewesen sein könnte, erfährt der Besucher besonders deutlich im Museum für M. C. Escher, das ebenfalls im königlichen Palast untergebracht ist.

Von Sascha Aumüller

Info

Mozart Ways

Den Haag
  • Familie Mozart erreichte Den Haag mit bescheideneren Verkehrsmitteln, die goldene Droschke bleibt heute der königlichen Familie vorbehalten.
    foto: the hague visitors & convention bureau

    Familie Mozart erreichte Den Haag mit bescheideneren Verkehrsmitteln, die goldene Droschke bleibt heute der königlichen Familie vorbehalten.

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