Faszinierende Störenfriede

20. Jänner 2006, 20:33
posten

Freud und die Literatur - Anmerkungen zu einem Wechselspiel

Keine Frage: Freuds Psychoanalyse warf in den Jahrzehnten nach 1900 einen gewaltigen Schatten auf die Literatur, vielleicht nur noch übertroffen vom Einfluss der Psychoanalyse auf das neue Medium Film. Für eine Resonanzgeschichte lassen sich eine Fülle von Belegen bei Autoren wie Johannes R. Becher, Alfred Döblin, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann, Robert Musil, Arthur Schnitzler, Ernst Weiß, Arnold oder Stefan Zweig finden; selbst in Krimis der Zeit, etwa in Norbert Jacques' Doktor Mabuse, lassen sich die Spuren ausmachen. Auch in autobiografischen Dokumenten und Kulturgeschichten ist der Topos von dem epochalen Einfluss Freuds auf die Literatur verbreitet. Stefan Zweig gratulierte Freud zum 80. Geburtstag mit der Bemerkung, dass fast jeder bedeutende Roman der letzten zwanzig Jahre Spuren jener neuen Seelenkunde enthielte: "Dank Ihnen sehen wir vieles, - Dank Ihnen sagen wir vieles, was sonst nicht gesehen oder gesagt worden wäre . . . Ein Jahrzehnt noch oder zwei, dann wird man erkennen, wo der Zusammenhang war, der plötzlich Proust in Frankreich, Lawrence und Joyce in England, der einigen Deutschen eine andere psychologische Kühnheit gab. Es wird Ihr Name sein." Zweig stellt sich hier zwanglos an die Seite von Joyce und Proust - ein schönes Nebenprodukt des Lobliedes vom Einfluss.

Hat sich aber die Literatur durch die Psychoanalyse verändert, und gab es ihn denn überhaupt, jenen Autor, der seine Szenarien und Figuren mit Freud'scher Anleitung entwarf? Merkwürdig ist, dass die Bilder, die von der nach-Freud'schen Literatur entworfen wurden, sich eher düster ausnehmen. Eines stammt von Fritz Wittels, der in seiner Freud-Biografie die Gefahren der Psychoanalyse für die Dichtung beschwört und Freud in der Rolle eines Hexenmeisters sieht, dessen unberufene Lehrlinge die Dichter sind: "Das Echo aus aller Welt kam erst viel später. Wir wußten, daß es kommen würde, wenngleich wir die Greuel nicht ahnten, welche Dichterlinge in Form von Romanen und Theaterstücken bald in die Welt setzen sollten. Freud hat das Unglück, minder berufenen Schriftstellern im Oedipuskomplex einen Schlüssel zu liefern, so daß sie ohne eigenes dichterisches Empfinden, à froid, die Tiefen der Seele aufschließen."

Vor allem wehrten sich die Autoren gegen den Prioritätsanspruch der Psychoanalyse. Hofmannsthal wird die Bemerkung zugeschrieben, dass die Psychoanalyse nur das erkläre, was die Literatur ohnehin längst gewusst habe; ähnlich sagt es Schnitzler, und Gerhart Hauptmann notiert 1926 im Tagebuch: "Meine Psychoanalyse ist seit Hannele gegeben . . . Dieser Freud hat eine Industrie aus dem gemacht, was mein Wesen, mein Eigenstes ist." Auch Thomas Mann hatte in seiner Geburtstagsrede von 1936 die Psychoanalyse vorsorglich der spätromantischen Literatur subsumiert. Die Belege für einen Einfluss der Psychoanalyse können also auch für die Nähe des literarischen Komplexes der Psychoanalyse zeugen, für die Nähe von Entdecken und Wiedererkennen. Es geht jedenfalls um problematische Indizien, da die Neigung des Schriftstellers, einen starken Einfluss zu leugnen, nahe liegend und wie im Falle Manns belegt ist. Aber auch das Gegenteil mag zutreffend sein, dass ein Autor sich aktueller Schlagworte bediente, oder dass ein poetisches "Fehllesen" stattfand und der Autor sich so einen imaginativen Raum schuf. Freud selbst hat darauf hingewiesen, dass der Enthusiasmus amerikanischer Intellektueller für die Psychoanalyse lediglich daher rührte, "daß sie die neue Wissenschaft nicht wirklich verstanden" hätten.

Freud leugnet die Nähe zur Literatur keineswegs; zwar betont er zuweilen, dass Literatur von außen "bekräftige", also nicht eigentlich Inspiratorin sei. Andernorts erweist er ihr aber die Reverenz oder lässt erkennen, dass sie Spenderin sei, der man Namen, Bilder und Anschaulichkeit verdanke. Gelegentlich erkennt er in den großen Romanciers des 19. Jahrhunderts seine psychologischen Vorgänger an, gelegentlich zeigt er sich verwundert über die Doppelgängerschaft. Als Max Reinhardt mit Hofmannsthals Bearbeitung des König Ödipus 1911 in Wien gastierte, war er von der Aufführung tief berührt, weil er seine eigenen Ideen so deutlich gespiegelt sah, ohne zu ahnen, dass Hofmannsthal zu der "freien" Übertragung des Stückes durch seine Lektüre der Traumdeutung inspiriert worden war.

In Freuds Augen sollte das Verhältnis zwischen Psychoanalyse und Literatur freilich ein einseitiges bleiben. Auch wenn er die analytischen Neigungen der Literatur als einen "Zug der Zeit" anerkannte, so sei es "vom Dichter nicht recht, unsere Analysen zu poetisieren". Wo die moderne Literatur sich der Psychoanalyse bediente oder das Psychopathische in den Vordergrund schob, ging er auf energische Distanz. Hauptmann wird zum "unsympathischen Kerl" erklärt, dessen Held (Griselda) "ein verrückter Hund (sei), der ins Irrenhaus gehöre". Im Blick auf Hofmannsthals Elektra-Aufführung erklärte Freud: "Die Kunst des Dichters besteht nicht darin . . ., Probleme zu finden und zu behandeln. Das soll er den Psychologen überlassen." Von den Surrealisten distanzierte er sich, obwohl diese ihn zu ihrem Schutzpatron ernannt hatten. Er verbündete sich mit jenem Publikum, das die literarische Moderne bekämpfte: "Die Dichter dilettieren in allen möglichen Wissenschaften und bringen dann ihre Kenntnisse zur poetischen Bearbeitung. Das Publikum hat, wenn es diese Produkte ablehnt, vollkommen recht."

Wenn Elias Canetti sagt, es habe kaum ein Gespräch gegeben in Wien, in dem der Name Freud nicht aufgetaucht sei, oder wenn Hermann Hesse 1919 feststellt, dass die Psychoanalyse "längst die Jugend erobert hat", fallen an diesen und ähnlichen Anmerkungen die zeitliche Unbestimmtheit und der vage Kausalnexus auf. "Sobald Ideen in einer Zeit Allgemeingut werden, ist der Versuch, solche Abhängigkeiten zu finden, hoffnungslos", schreibt Ludwig Marcuse. Wann genau wurde das Spiel mit Ödipus oder den Fehlleistungen (was Canetti in seiner Autobiografie beklagt) zum Teil eines gruppenspezifischen, kulturellen Wissens der Intellektuellen? Wann begannen die Schriftsteller, Freud zu lesen? Ist Einfluss auf Literaten und Literatur überhaupt messbar und differenzierbar? Wie unterscheidet sich das Aufgreifen von Stichworten und Mustern von literarischen Reaktionen? Zwar lässt sich recherchieren, welche Autoren sich wann einer psychoanalytischen Kur unterzogen haben, doch unbestimmter bleibt, ob der Einfluss Freuds auf Lektüren basierte und in welchen Modifikationen sich die Rezeption vollzog. Freud selbst verwies in der zweiten Auflage der Traumdeutung darauf, dass "das Interesse an der Psychoanalyse von den Männern der schönen Literatur" ausgegangen sei (schreibende Frauen bleiben in Freuds Schriften ausgeklammert).

Die Wiener Autoren nahmen Freuds Ideen rasch wahr, aber sie blieben doch reserviert. Zwar gehörten Hofmannsthal wie Schnitzler zu den frühen Lesern der Traumdeutung, aber ein eindeutiges Bekenntnis zu Freud hat, vom frühen Karl Kraus abgesehen, aus dem Kreis der Wiener Dichter niemand gegeben (anders sieht es aus, wenn wir weiter nach vorn schauen, beispielsweise auf Expressionismus oder Surrealismus). Die Versuche von Lou Andreas-Salomé, zwischen Rilke und Freud eine Beziehung zu stiften, blieben ohne nachhaltigen Erfolg. Die Beziehungen zu Arnold und Stefan Zweig entwickelten sich erst in späteren Jahren; bei Schnitzler fand der Kontakt vor allem über gemeinsame Freunde statt. Vielleicht hat Walter Muschg Recht, der 1930 unterstrich, dass Freuds Werk sich im Rahmen einer Ausweitung des Literaturbegriffs in der literarischen Moderne orten ließe, mithin selbst als literarisches Phänomen verstanden werde könne: "In den Vorständen aller Vortragsgesellschaften richtet man sich gegenwärtig danach, daß beim Publikum andere als 'rein literarische' Themen in Gunst sind; man hat Beispiele, daß Paläontologen, Architekten, Entdeckungsreisende am sichersten eine Anziehungskraft ausüben, und ich meine, Freud ist der Prototyp dieser faszinierenden Störenfriede." (Michael Rohrwasser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22. 1. 2006)

Michael Rohrwasser, geb. 1949 in Freiburg/Breisgau, ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Uni Wien. Er hatte Lehraufträge und Gastprofessuren u.a. in Stanford/USA, Warschau und Hamburg und arbeitet seit Jahren auch als Literaturkritiker. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen neben der Romantik und dem Komplex Psychoanalyse-Literatur-Film in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Zuletzt erschien von ihm die Monografie "Freuds Lektüren" (psychosozial-Verlag 2005).
Share if you care.