Kopf des Tages: Andris Piebalgs

16. Jänner 2006, 15:39
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Trotz Eloquenz der Diplomatie verpflichtet: Der EU-Energiekommissar sitzt zwischen den Stühlen

EU-Energiekommissar Andris Piebalgs sitzt wieder einmal zwischen zwei Stühlen: Wenn er heute, Mittwoch, gemeinsam mit dem nunmehrigen Ratsvorsitzenden Martin Bartenstein das Krisentreffen der Energieexperten der EU in Brüssel leitet, so wird er sich mit seiner Meinung zurückhalten.

Er ist Lette, und als solcher hat er seine Meinung zu Russland im Allgemeinen und zum Verhalten Moskaus im aktuellen Gasstreit im Besonderen. Es ist kein Geheimnis, dass Piebalgs Moskau gegenüber eher kritisch eingestellt ist, nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen in seiner baltischen Heimat.

Aber als EU-Kommissar muss sich Piebalgs in Zurückhaltung üben, schließlich gilt es möglichst allen Interessen der 25 EU-Staaten gerecht zu werden. Piebalgs hat das inzwischen akzeptiert und hält sich deshalb mit öffentlichen Äußerungen zu dem heiklen Thema zurück.

Ebenso verfährt der quirlige Brillenträger beim Thema Atomenergie. Eigentlich ist der studierte Physiker ein Verfechter der Kernenergie, aber das deutet er in Interviews meist nur an, um nicht deklarierte AKW-Gegner wie die Österreicher zu provozieren.

Dabei hat der dreifache Familienvater die Diplomatie nicht von der Pike auf gelernt. Bis 1988 war er Lehrer und Direktor einer höheren Schule. Erst nach den Umbrüchen in Osteuropa zog es ihn in die Politik. Er qualifizierte sich als Bildungs- und Finanzexperte und war Mitgründer der liberal-konservativen Partei "Lettlands Weg".

In der ersten Hälfte der 90er-Jahre bekleidete er Ministerposten in den Ressorts Bildung (1990-1993) und Finanzen (1993/1994) und gehörte dem Parlament an. Als seine Partei, die bei den Wahlen 1998 noch die zweitstärkste Fraktion stellte, 2002 an der Fünfprozenthürde scheiterte, wurde Piebalgs EU-Botschafter Lettlands.

In Brüssel wurde er zum "glühenden Europäer", wie der 58-Jährige über sich selbst sagt. Zu Hilfe kam ihm auch seine Sprachbegabung, denn Piebalgs spricht auch perfekt Deutsch, Französisch und Russisch.

2004 übernahm er das Amt des Büroleiters der lettischen Übergangskommissarin Sandra Kalniete, die den österreichischen Agrarkommissar Franz Fischer unterstützte. Als Kalniete wegen interner Streitigkeiten doch nicht von Lettland zur EU-Kommissarin nach dem Beitritt im Mai 2004 nominiert wurde und ihr Ersatz Ingrida Udre vom EU-Parlament wegen ungeklärter Korruptionsvorwürfe und mangelnden Profils abgelehnt wurde, kam überraschend Piebalgs zum Zug.

Der sportliche Mann mit dem jungenhaftem Charme versieht sein Amt mit Engagement. Aber der eloquente Lette leidet gerade deshalb darunter, dass er nur dann gefragt ist, wenn eine Energiekrise auftaucht - und er dann eigentlich nichts sagen darf. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04.01.2006)

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