Der Alltag auf der analytischen Couch

30. Dezember 2005, 19:42
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Gefeiert und gedacht wird im Jahresrhythmus, nun ist die Psychoanalyse dran: Eine Chance, die Bedeutung ihres Gründers neu einzuschätzen

Natürlich ist es kein Zufall, würde Sigmund Freud sagen, dass einem ausgerechnet bei einem Artikel über den Gründer der Psychoanalyse nicht einfallen will, wie man die Geschichte am besten angeht. Eine Blockade, ein unbewusster Widerstand: Man greift zur Zigarette, angeblich, um nachzudenken, wahrscheinlich aber nur eine Ersatzbefriedigung. Unter den Notizen finden sich zwei Zitate, aufgehoben für spätere Geschichten: Die Frauenministerin Maria Rauch-Kallat wünscht sich, "dass die Diskussion etwas sachlicher verläuft, weniger frauenfreundlich". Der Kulturstaatssekretär, Franz Morak, sagt "noch einmal, ich schließe definitiv aus, nicht Burgtheaterdirektor werden zu wollen". Da drängt das Unbewusste mächtig an die Oberfläche, Freud'sche Versprecher eben.

Freud vor Mozart

Ist denn der Mann heute überhaupt noch relevant? 2,790.000 gefundene Seiten für Sigmund Freud bei Google. Alle Achtung, zwar nur ein Bruchteil von Britney Spears (fast 15 Millionen), aber doch die Nase deutlich vor Mozart (2,500.000), mit dem Freud das Jubiläumsjahr 2006 teilen muss. Als es noch den Schilling gab, schmückte Mozart den 5000er, Freud hingegen nur den 50er. Hoch geachtet war Freud bei offiziellen Stellen ja nie, aber dafür ist er unters Volk gekommen, könnte man zur Entscheidung der Nationalbank sagen.

Freud, am 6. Mai 1856 in Mähren als ältester, "goldener" Sohn geboren, hat mit seinem umfassenden Werk unsere Sicht der Welt nachhaltig verändert - so wie Charles Darwin und Nikolaus Kopernikus, mit denen er sich verglich. Seit seinem epochalen Werk "Die Traumdeutung" (Freud, der stets ein gutes Auge auch für den eigenen Mythos hatte, datierte das Buch mit 1900, obwohl es 1899 herauskam) wird die Debatte um die Gültigkeit seiner Theorien in fast unverminderter Heftigkeit geführt. Von Anfang an stießen seine Thesen von unbewussten psychischen Mechanismen wie "Verdrängung" oder "Widerstand", auf - nun, eben heftigen Widerstand. Der begnadete Polemiker Karl Kraus brachte ihn mit seinem Spruch auf den Punkt: "Die Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält."

Freud selbst war nicht unschuldig an den Kontroversen: So wie die Medizin seine Theorien von unbewussten Konflikten als Ursache von Krankheitsbildern wie Hysterie ebenso wie seine Behandlungsmethode des Gesprächs bekämpfte, wandte er sich zeit seines Lebens dagegen, dass die Medizin die geeignete Disziplin zur Behandlung seelischen Leidens sei. Und die Geschichte der Psychoanalyse ist von Anfang an eine voller Spaltungen, von innigen Freundschaften, die zu Bruch gingen - wie die Beziehungen zu seinen "Kronprinzen" C. G. Jung oder Alfred Adler.

Nach vielen Jahren der Demontage vor allem in den 70er- und 80er-Jahren ist es wieder Mode geworden, jüngere Ergebnisse der Hirnforschung zu bemühen, um Spiegel-Titel wie "Hatte Freud doch Recht?" (im Mai diesen Jahres) zu produzieren. Aber der Streit zwischen naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Ansätzen, den Menschen und seine Probleme zu verstehen, betrifft nur randlich das eigentliche Erbe Freuds.

Sein Denken hat sich mit den Fasern unseres Alltags in vielfacher Weise verwoben, seine Konzepte sind aus unserem Verständnis menschlichen Zusammenlebens nicht mehr wegzudenken.

Wenn Menschen in Talkshows ungeniert über ihre Beziehungskisten reden, Eltern über ihre Kinder und Kinder über ihre Eltern, wenn das Handeln von Politikern wie George W. Bush auf die Waagschale des Verhältnisses zu dessen Vater George H. Bush gelegt wird: Dann hat Freud die Tür dazu aufgestoßen. Kein Autounfall, keine Magenschmerzen, kein Herzinfarkt, der nicht nach seinen psychischen Anteilen zumindest gesprächsweise abgeklopft wird.

Literatur und Film haben sich die Denkschemata der Psychoanalyse angeeignet und unterhalten damit ein Massenpublikum, das sie auch versteht - gleich, ob sie Therapieerfahrung haben oder das Wissen nur über die Alltagskultur aufgesogen haben. Freud selbst hat offenbar diese Entwicklung vorausgeahnt; 1927 schrieb er, dass er "gar kein richtiger Arzt" gewesen sei und nach großem Umweg" die anfängliche Richtung wiedergefunden" habe - sein Interesse an kulturellen Problemen. Größere Hoffnungen als auf die Psychoanalyse selbst setzte er darin, dass die Erziehung seine Gedanken übernehmen würde. (Helmut Spudich/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 12. 2005)

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