Zweifel nach Sharons Schlaganfall

20. Dezember 2005, 19:14
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Zustand des Premiers gut, doch politische Zukunft ungewiss

Zwei Stunden lang hielt Israel am Sonntagabend den Atem an, nachdem die Meldung vom Zusammenbruch Ariel Sharons in die Nachrichtensendungen der Fernsehstationen hineingeplatzt war. In Gaza verbreiteten extremistische Palästinenser schon das Gerücht, dass Sharon tot sei, was mit Gewehrsalven, Hupen und dem Verteilen von Süßigkeiten gefeiert wurde.

Doch dann teilte das Hadassa-Krankenhaus in Jerusalem mit, dass Sharon zwar einen leichten Gehirnschlag erlitten habe, sein Zustand aber "gut" sei – er rede mit seinen Angehörigen und Mitarbeitern und habe in keiner Phase das Bewusstsein verloren. Professor Boleslav Goldmann, seit 30 Jahren Sharons persönlicher Arzt, versicherte, der Premier habe "eindeutig keinen Schaden" davongetragen, und es bestehe daher keine Veranlassung, Befugnisse an Vizepremier Ehud Olmert zu übertragen. Am Montag hieß es, dass Sharon von seinem Spitalzimmer aus schon wieder einen Teil seiner Geschäfte aufgenommen habe und auf seine baldige Entlassung dränge.

Doch auch wenn Sharon seit gut fünf Jahren in Israels politischer Szene den Ton angegeben hat und sich bei den Wahlen im März wieder eines Kantersiegs sicher sein konnte, so ist jetzt in einer heiklen Umbruchperiode der Gesundheitszustand des bald 78-jährigen, stark übergewichtigen "Bulldozers" schlagartig zum Thema geworden.

"Vakuum" nach Sharons Abgang

Kommentatoren sprachen immer wieder von einem "Vakuum", das entstehen würde, falls der älteste Regierungschef, den Israel je hatte, den Strapazen des Wahlkampfes und einer weiteren vierjährigen Amtszeit nicht mehr gewachsen sein sollte. Für die erst vor einem Monat gegründete Zentrumspartei Kadima ("Vorwärts") ist Sharon die einzige Integrationsfigur – die Bewegung, die nach den Wahlen staatstragend sein soll, hat zwar viele Stars von links und rechts rekrutiert, aber noch keine Entscheidungsstrukturen und keine klare Hierarchie.

Die Erkrankung des Premiers strahlte sofort auch auf die Vorwahlen des Likud aus, der nach Sharons spektakulärem Ausstieg schwer angeschlagen ist und einen neuen Vorsitzenden bestimmen musste. Schwächezeichen der Sharon-Partei dürften eine Erholung des rechtskonservativen Likud nach sich ziehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.12.2005)

Von Ben Segenreich aus Tel Aviv

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Haaretz: Sharon aide: PM's condition improved

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