Carleen Anderson: Die Erlösung gibt's gratis dazu

22. Dezember 2005, 17:49
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Die britische Soul-Sängerin sorgt mit "Soul Providence" neuerdings für Glückseligkeit

Sieben Jahre nach ihrem atemberaubenden Album "Blessed Burden" sorgt die britische Soul-Sängerin Carleen Anderson mit "Soul Providence" neuerdings für Glückseligkeit.


Als vor zwei Jahren endlich wieder ein Carleen-Anderson-Album erschienen ist, war die Vorfreude darauf groß. Mindestens ebenso groß wie die Enttäuschung, die dieses nur über ihre Homepage zu beziehende Werk dann im CD-Player verströmte. Zwar großartig gesungen, aber musikalisch wenig überzeugend, dazu nur lieblos produziert und thematisch ihrer verstorbenen Großmutter zugedacht, war Alberta's Granddaughter so etwas wie ein Blick in ein fremdes Familienalbum - und wen interessiert das schon.

Jetzt aber: Nach dem phänomenalen Blessed Burden aus 1998 ist seit Kurzem Soul Providence am Markt. Es ist seit ihrem Solodebüt 1994 erst das vierte Album der in den USA aufgewachsenen und in Großbritannien lebenden Sängerin, Ausnahmesängerin, Zum-Niederknien-Sängerin. Dabei ist die Tochter von Vicki Anderson, bekannt aus der James-Brown-Revue der 60er-Jahre, alles andere als unproduktiv. Aber von vorn: Nachdem Anderson 1988 nach London gezogen war, gelang ihr 1991 als Sängerin der Young Disciples ein Einstand, wie man ihn sich als Musikerin nur wünschen kann. Das Album Road To Freedom und das darauf von Anderson gesungene Apparently Nothin' (Soul River) gelten als ein Hauptwerk des Acid Jazz, eines Stils, der sich aus Soul, Jazz, Pop, etwas HipHop und Funk zusammensetzt und gleichermaßen die Clubs wie die Charts eroberte. Anderson wurde eine der Leitfiguren dieser Szene, die Gilles Peterson auf seinem Label Talkin' Loud dokumentierte und der heute noch feuchte Augen bekommt, wenn er Anderson singen hört. Daneben lieh Anderson ihre Stimme exquisiten Produktionen von Dr. John, Bryan Ferry, Guru für dessen Meilenstein Jazzmattazz (1993), einigen Werken ihres Stiefvaters Bobby Byrd - ebenfalls von James Brown her bekannt. Sie stand bei den Brand New Heavies am Mikro und immer wieder für ihren guten Freund Paul Weller.

Soul-Brother Weller war es auch, der 1998 Andersons Blessed Burden produzierte - eines der überzeugendsten Soul-Alben der vergangenen zehn Jahre. Eine atemberaubende Mischung aus urbanem Soul, tief empfundenen Balladen und einem in die Beine schießenden Funk, die auch in monatelangem Dauereinsatz nicht totzuspielen war. Der Stoff, aus dem Klassiker gemacht sind.

Einschlägigen Kreisen ist Anderson zwar auch deshalb heilig, der große Erfolg im Pop blieb ihr als Solokünstlerin bisher jedoch verwehrt. Daran wird wohl auch Soul Providence nichts ändern. An fehlender Qualität liegt es allerdings nicht. Das Album schließt etwas reicher produziert dort an, wo Weller aufgehört hat. Vor einer kongenialen Band schlurft Anderson erstmals durch das Intro und einen ersten Song. Gemach. Carleen hat Zeit: Wir gehen ganz langsam runter - und nehmen sie alle. So. Was man sich unter dieser Prophezeiung vorstellen kann, offenbart dann Gotta Believe In The Future, ein Dancefloor-Smash, der die subtile Finesse des Acid Jazz ebenso besitzt wie die Leidenschaft des Soul. Und es wird immer besser. Den nächsten Song versorgen bratzige Bläsersätze mit Herzblut: kurz und auf den Punkt gebracht, während Andersons Stimme - diese Stimme! - samten tiefstapelt. In Wanna Be Where You Are taucht schließlich Paul Weller als kongenialer Duettpartner auf, und bei Parting The Waters teilt sich Carleen das Mikrofon mit einer anderen Götterstimme, der von Jocelyn Brown.

Damit ist das Loblied aber noch nicht vorbei: "My Door Is Open" pendelt zwischen 70er-Jahre-Agenten-Funk und sattem Disco-Beat, und wenn Anderson kurz die Geschwindigkeit rausnimmt, um eine Ballade einzustreuen, dann passiert das nicht ohne entsprechende Dramatik oder stimmliche Extravaganzen, wie Salvation Is Free vorführt. Gänsehaut und Endorphine! Vergessen Sie alles, was zurzeit im so genannten R'n'B um Gefühle und Glaubwürdigkeit ringt. Carleen Anderson hat mehr Soul im kleinen Finger als - na ja, man muss hier keine Namen nennen. Ein Meisterwerk! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.12.2005)

Von Karl Fluch
  • Carleen Anderson Soul Providence (Edel)
    foto: edel

    Carleen Anderson
    Soul Providence
    (Edel)

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