Nichts geht über Rubens' Massaker

14. Dezember 2005, 19:36
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In London gelangten vergangene Woche Gemälde Alter Meister zur Auktion

Christie's spielte mit 142 Arbeiten samt einem Bernardo Bellotto umgerechnet fast 29 Millionen Euro ein, Sotheby's mit 302 Objekten knapp 23,8 Millionen Euro


London - Seit dem 19. Jahrhundert war die - mittlerweile massiv ramponierte - Ansicht des Marktplatzes im sächsischen Pirna im Besitz der alten ungarischen Adelsfamilie Batthyány-Strattmann. Ende des Zweiten Weltkrieg wurde die Familie gezwungen, Schloss Körmend zu verlassen. Für einige Besitztümer war ein Transport organisiert worden, der allerdings an der Grenze zu Österreich gestoppt und geplündert wurde.

Nur wenige Objekte konnten gerettet werden. Darunter dieses von Bernardo Bellotto (1721-1780) gemalte Werk, das am 8. Dezember bei Christie's in London versteigert wurde. Lange Zeit hatte die Familie Scheu, diese in einem ruinösen Zustand befindliche Bellotto-Vedute zu verkaufen und die Experten von Christie's setzten den Schätzwert vorsichtig, bei vergleichsweise moderaten 40.000 bis 60.000 Pfund an.

Die Taxe war dann schnell überflügelt und erst bei 131.200 Pfund fiel der Hammer zugunsten eines europäischen Kunsthändlers. Insgesamt verteilte Christie's am 8. und 9. Dezember 142 Werke der Sparte Alte Meister zu 79 Prozent unters Publikum. Das in zwei Tagen zusammengetragene Ergebnis von umgerechnet 29,64 Millionen Euro (20,07 Millionen Pfund) stockte den 2005 in dieser Sparte weltweit eingespielten Umsatz auf 183 Millionen Euro auf. Den höchsten Zuschlag des Evening Sales erteilte man für Peter Paul Rubens' Meleager und Atalanta bei 3,14 Millionen Pfund, gefolgt von 2,47 für Murillos Christus als Schmerzensmann, für das der englische Handel deutlich tiefer in die Taschen greifen musste (Taxe: 500.000 bis 700.000 Pfund). Die nächste große Altmeister-Auktion terminisiert Christie's für den 6. April 2006. Und eines der in New York zur Verteilung gelangenden Highlights steht bereits fest: J. M. W. Turners Meisterwerk Giudecca, La Donna della Salute und San Giorgio aus dem Besitz einer amerikanischen Non-Profit-Organisation, die sich gemäß erster Schätzungen in der Größenordnung von 15 Millionen Dollar eines wahren Geldsegens erfreuen könnte.

Etwas zurückhaltender investierte man in das von Sotheby's in der Zeit vom 6. bis 8. Dezember angebotene Offert: 16,25 Millionen Euro lautete die Bilanz nach vier Sitzungen, in der sich vor allem der Kunsthandel stark machte. Mit 1,12 Millionen Pfund musste Pyms Gallery etwas weniger als erwartet (bis zu 1,5 Millionen) für Aelbert Cuyps Landschaft mit einem Jäger berappen.

Mehr Budget wurde Daniel Katz abverlangt, der für Lorenzo Monacos St. Jerome in der Wildnis statt der Taxe von 600.000 bis 800.000 Pfund stolze 1,01 Millionen bezahlte. Im Budget blieb Johnny van Haeften für Pieter Brueghel d. J. Winterlandschaft bei 736.000 Pfund ebenso wie Kollege Simon C. Dickinson, der sich Anthony van Dycks Porträt von Charles Louis Elector Palatine, entgegen den Erwartungen von 600.000 Pfund, bereits für günstige 456.000 sicherte.

Mit diesen vergangene Woche erzielten Zuschlägen steht kurz vor dem Saisonende zumindest eines fest: Den höchsten weltweit jemals für ein Altmeistergemälde erzielten Preis stieß heuer kein Gebot vom Podest. Das aus Österreich stammende Rubens-Werk Massaker der Unschuldigen, 2002 bei Sotheby's versteigert, behauptet mit 45 Millionen Pfund die Spitze. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.12.2005)

Von
Olga Kronsteiner
  • Der Zweite Weltkrieg und sein Tribut: Das seit dem 19. Jh. im Besitz der Familie Batthyány-Strattmann befindliche Bellotto-Gemälde wurde auf der Flucht stark beschädigt. Ein europäischer Händler bezahlte dennoch fast 192.000 Euro.
    foto: christie's

    Der Zweite Weltkrieg und sein Tribut: Das seit dem 19. Jh. im Besitz der Familie Batthyány-Strattmann befindliche Bellotto-Gemälde wurde auf der Flucht stark beschädigt. Ein europäischer Händler bezahlte dennoch fast 192.000 Euro.

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