Minderheitenprogramm

14. Dezember 2005, 19:05
6 Postings

Schwer arbeitenden Menschen ist mit einem Minderheitenprogramm kaum geholfen - Kommentar von Eva Linsinger

Versprochen wurde ein Zuckerl, das die Härten der Pensionskürzungen versüßen sollte. Herausgekommen ist ein sehr dünner Zuckerguss, der bei vielen bitteren Nachgeschmack auslösen wird: Denn die lang versprochene Schwerarbeiterregelung ist ein absolutes Minderheitenprogramm.

Ein sattes Drittel der Österreicher fühlt sich selbst als Schwerarbeiter. Nicht mehr als dürftige 1500 von ihnen können künftig pro Jahr damit rechnen, auch mit dem offiziellen Etikett "Schwerarbeiter" in Frühpension gehen zu können. Für den Rest gilt - "Pech gehabt".

Pech, weil sie zwar schwer gearbeitet haben, aber im falschen Abschnitt ihrer Erwerbsbiografie: Denn für die Pensionsversicherungsanstalt zählen nur schweißtreibende Arbeiten, die in den letzten 20 Berufsjahren geleistet wurden, alle früheren nicht. Pech haben auch alle, die so schwer gearbeitet haben, dass sie krank oder berufsunfähig wurden: Denn für die Schwerarbeiter-Frühpension qualifiziert sich nur, wer 45 Jahre lang gearbeitet hat, also zumindest 60 ist. Besonderes Pech hat, wer zwar schwer arbeitet, aber das falsche Geschlecht hat: Denn die nun vorgelegte Schwerarbeiterregelung gilt bis zum Jahr 2019 ausschließlich für Männer. Denn Frühpension via Schwerarbeit ist frühestens ab 60 Jahren möglich - und Frauen können bis 2019 ohnehin mit 60 in Pension gehen. Das erschien Sozialministerin Ursula Haubner offenbar genug an Zuckerln für Frauen zu sein - egal, ob Schwerarbeiterin oder nicht.

Eine Regelung, die so wenigen zugute kommt, ist schlicht eine Augenauswischerei. Die nur den Effekt hat, dass Haubner zu Protokoll geben kann, irgendeine Schwerarbeiterregelung vorgelegt zu haben. Mehr nicht. Denn schwer arbeitenden Menschen ist mit diesem Minderheitenprogramm kaum geholfen. (DER STANDARD, Print, 15.12.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.