Räder zu Pflugscharen

23. November 2006, 21:02
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Das Thanet Silverlight war schön und innovativ wie sein Name, so lange die zierlichen Rohre nicht brachen - Bike-History, Teil 4

Noch ein "Funny Frame" aus Großbritannien, aus der Zeit, als jeder gerne sein Rad nach Maß fertigen und noch ein paar unkonventionelle Ideen in den Rahmen einbauen ließ, sofern er das dafür nötige Geld über die Budel schieben wollte. Das Thanes Silverlight jedenfalls soll teuer gewesen sein wie ein kleines Motorrad, aber das Motorrad nahm auch keine Anleihen aus dem Flugzeugbau.

Das Thanet Silverlight schon: Die einzelnen Rahmenrohre bilden ein Dreieck, in dessen Mitte das Tretlager eingelötet ist – diese ausgeklügelte Aufhängung hatte sich Firmengründer Les Cassel von Flugzeugkonstrukteuren abgeschaut, die auf ähnliche Art bisweilen die Triebwerke an ihren Maschinen befestigten.

Les Cassel hatte 1946 in Bristol ein Fahrradgeschäft eröffnet, nebenbei wurden von innovativen Rahmenbauern auch Rahmen gelötet. Das Thanet Silverlight entstand bis 1953 in rund 650 Exemplaren, neben der Aufhängung des Tretlagers war auch der Verlauf der Sattelstreben unorthodox: Sie führten nicht zur Sattelmuffe, sondern davor zum Oberrohr, und freilich trugen sie in Großbritannien einen feinen Namen: Hellenic stays, benannt nach Fred Hellens, der dieses Detail 1923 erstmals fertigte.

Die Kreuzung der Rohre sollte dem Rahmen mehr Stabilität verleihen, was gewiss funktioniert hätte (und später beispielsweise bei GT auch funktioniert hat), wären die Thanet Silverlight nicht aus lächerlich dünnen Rohren gefertigt worden.

Unter- und Sattelrohr maßen lediglich 1 Zoll im Durchmesser, das Oberrohr war lediglich 7/8 Zoll stark, und die verwendeten Muffen waren zwar extrem kunstvoll gefertigt (die Buchstaben T und S waren erkennbar), aber zu dünn und schlank – besonders Silverlights mit hohen Rahmen waren ein einziges Weichteil, und bisweilen brachen auch die Rohre am Tretlager. Dann glich das Rad eher einem Pflug. Schnell hatte das Thanet Silverlight den Namen The Bristol Plough abgehaselt, nicht unbedingt ein Verkaufsargument.

Wahrlich innovativ aber war die Vergbindung der Rohre: Dass erstmals Silberlot verwendet wurde, verhalf dem Rahmen zu seinem Namen.

Parallel wurde bei Thanet das Modell Silverthan gefertigt, mit konventioneller Geometrie, aber ebenfalls unter Verwendung von Silberlot, und 1958 stellte Thanet die Fahrradproduktion überhaupt ein.

Überlebt haben rund 120 Thanet Silverlight, japanische und amerikanische Sammler zahlen heute Unsummen, um ihr Silverlight als jenes Kunstwerk an die Wand zu hängen, das es auch ist. (Text: Dietrich P. Dahl, Farbfotos: Archiv Michael Zappe; derStandard.at, 15.12.2005)

Link
Thanet Silverlight
auf Classic Rendezvous

Literatur
Hilary Stone: Ease with Elegance. The Story of Thanet Cycles.
Zu beziehen bei: Hilary Stone, 32 Heyford Avenue, Bristol BS5 6UE England

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Entwurf zum Nutkin Silverlight No. SL 1991. Der gute Wille ist erkennbar.

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