Eine Männerfreundschaft

12. Dezember 2005, 18:18
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Bald werden viele russische Rubel über die Ostseepipeline auf das Konto von Gerhard Schröder fließen - Ein Kommentar von Birgit Baumann

Man muss die Tonne rausstellen, solange es regnet, sagt ein Sprichwort, an das sich Gerhard Schröder getreulich hält. Bald schon werden viele russische Rubel über die Ostseepipeline auf das Konto des deutschen Altkanzlers fließen. Finanziell lohnt sich der Aufsichtsratsjob, den ihm sein Duzfreund Wladimir Putin verschafft hat, auf jeden Fall.

Dafür aber bringt er den rüstigen und umtriebigen PolitPensionisten in ziemliche Erklärungsnot. Jahrelang hat sich Schröder für diese Pipeline eingesetzt und sein Engagement mit dem schönen Wort "Versorgungssicherheit" begründet. Nur drei Wochen nach seinem Abgang aus dem Kanzleramt zeigt sich eine ganz neue Bedeutung des Begriffs. Schröder hatte offenbar nicht (nur) die Versorgung der Deutschen mit Energie im Sinn, sondern vor allem auch seine eigene.

Zwar ist Schröder mit Putin nicht wie sein Vorgänger Helmut Kohl mit Boris Jelzin in der Sauna gesessen, doch das Verhältnis zwischen Gerd und Wladimir ist auch eine ganz besonders enge Männerfreundschaft - eine, die Schröder schon viel Kritik eingebracht hat.

Während anderswo Kritik an Putins Tschetschenien-Politik oder an der Zerschlagung des Ölkonzerns Yukos und der Ausschaltung von dessen Chef Michail Chodorkowski laut wurde, nannte Schröder Putin immer noch einen "lupenreinen Demokraten". Ebenso nahm Schröder die Düpierung der baltischen Staaten und Polens in Kauf. Beim Bau der Pipeline hätten die Ostsee-Anrainerstaaten gern ein Wörtchen mitgeredet.

Es ist jedem ehemaligen Regierungschef unbenommen, im Ruhestand noch aktiv zu sein. Seine Tätigkeit muss sich dabei nicht rein auf das Schreiben von Memoiren beschränken. Aber so schnell und unverfroren dort privat anzuknüpfen, wo man politisch aufgehört hat, das hat vor Schröder noch kein deutscher Altkanzler geschafft. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.12.2005)

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