Volksmusik als Materialbasis

19. Dezember 2005, 22:21
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Bojan Z erhielt im Porgy & Bess den European Jazz Award

Wien - Man konnte schon ins Grübeln geraten angesichts mancher Entscheidung der diesjährigen Jurys des Hans-Koller-Preises. Warum für den European Jazz Award etwa ein Erzmusikant vom Kaliber Han Benninks hinter einem eine Generation jüngeren Kollegen zurückstehen musste, darüber ließe sich streiten. Schlagzeuger haben es offenbar schwer.

Bojan Z hingegen drückt Tasten, und das zugegeben exzellent. Hatte der 37-jährige Belgrader mit Wohnsitz Paris freitags die Preisüberreichung im Porgy & Bess noch mit einer launigen Guantanamera-Paraphrase kommentiert, so zeigte er samstags gleichenorts, dass seine Wahl kein Zufallstreffer war. Zu eigenem Profil gefunden hat Bojan Z über die Entdeckung seiner slawischen Wurzeln, wobei er nicht in die Fahrwasser der Folklore Imaginaire geraten ist und auch zum Ethno-Jazz Distanz wahrt. Vielmehr betrachtet er Volksmusik als Materialbasis, die er in ideenreichen Abstraktionsprozessen in sein Jazzkonzeptdenken integriert.

Höchst organisch entwickeln sich da aus vertrackten, dank Remy Vignolo (Bass) und Ari Hoenig (Schlagzeug) wie selbstverständlich fließenden Rhythmusstrukturen detailreiche Dramaturgien. Bajan Z verdichtet immer wieder gekonnt die dissonante, eigenwillige Harmonik und unternimmt Anschläge auf die temperierte Stimmung.

Die heimischen Preisträger zeichnen sich in ihrem aktuellen Schaffen nicht unbedingt durch Experimentierlust aus - am ehesten vielleicht noch Linda Sharrock, die für ihren grandiosen vokalen Seelenstrip Confessions (Quinton) den Preis der CD des Jahres einfuhr. Saxophonist Harry Sokal (Musiker des Jahres) stand auch am Abend der Preisvergabe für kulinarische, rasante Exkurse durch die Akkorde, "Newcomer des Jahres" Martin Reiter gliederte sich gepflegt in die Piano-Trio-Tradition ein. Während der preisbekrönte Sideman, Bassist Hans Strasser, mit dem sich auch Saxophonist Christoph Auer (gemeinsam mit Bastian Stein Gewinner des New-York-Stipendiums) hören ließ, mit druckvollen Septett-Arrangements überraschte. (Andreas Felber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 12. 2005)

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