Gefahr des Passivrauchens extrem unterschätzt

8. Dezember 2005, 19:30
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Neue Studie des Deutschen Krebs­forschungs­zentrums: Tabakrauch in Innenräumen keine Belästigung, sondern Gesundheits­gefährdung mit Todesfolgen

Heidelberg - Nach einer nun veröffentlichten Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums wird die Gefahr durch Passivrauchen extrem unterschätzt. Tabakrauch in Innenräumen sei keine Belästigung, sondern eine Gesundheitsgefährdung mit Todesfolgen. Allein in Deutschland sterben jährlich mehr als 3.300 Nichtrauchen an den Folgen des Passivrauchens, rechnen die Experten vor. Als dringend notwendig erachten die Verfasser der Studie Gesetze zum umfassenden Nichtraucherschutz in öffentlichen Räumen zu erlassen, die auch für die Gastronomie gelten.

"Passivrauch enthält giftige Substanzen wie Blausäure, Ammoniak und Kohlenmonoxid, aber auch eine Vielzahl krebserregender Stoffe wie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, N- Nitrosamine, aromatische Amine, Benzol, Vinylchlorid, Arsen, Cadmium, Chrom und das radioaktive Isotop Polonium 210", so die Studienleiterin Martina Pötschke-Langer. Das Bedrohliche sei, dass für die im Passivrauch enthaltenen krebserregenden Substanzen keine Dosis-Schwellenwerte festgestellt werden können, unterhalb derer keine Gesundheitsgefährdung zu erwarten wäre. "Auch kleinste Belastungen können zur Entwicklung von Tumoren beitragen", erklärte die Autorin.

Millionen Geschädigte

Die Autoren sehen das Ausmaß der Tabakrauchbelastung als beträchtlich: Allein in Deutschland werden über 170.000 Neugeborene jährlich bereits im Mutterleib den Schadstoffen des Tabakrauches ausgesetzt. Geschätzte acht Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren leben in einem Haushalt mit mindestens einem Raucher. Mehr als 35 Millionen Nichtraucher werden zu Hause, am Arbeitsplatz oder in ihrer Freizeit mit den Schadstoffen des Passivrauchs belastet. Allein am Arbeitsplatz sind noch immer etwa 8,5 Millionen Nichtraucher dem Zigarettendunst der rauchenden Kollegen ausgesetzt. "Die Gesetzgeber müssen in die Pflicht genommen werden, um endlich rauchfreie öffentliche Gebäude und gastronomische Betriebe zu schaffen", so Pötschke-Langer. Untersuchungen hätten gezeigt, dass 80 Prozent der Deutschen dies wünsche. Die Expertin nimmt an, dass die Zahlen in Österreich ganz ähnlich sind.

Die Folgen des Passivrauchens reichen von akuter Reizung der Atemwege, erhöhter Infektanfälligkeit, Kopfschmerzen und Schwindel bis hin zu chronischen Krankheiten mit Todesfolge. Die Studien-Koautoren, die Epidemiologen Ulrich Keil von der Universität Münster und Heiko Becher von der Universität Heidelberg, errechneten erstmals die Opferzahlen unter den Passivrauchern: Demnach sterben jährlich schätzungsweise 2.140 Nichtraucher an einer koronaren Herzkrankheit, 770 Nichtraucher an Schlaganfall, 50 Nichtraucher an chronisch-obstruktiven Lungenerkrankungen und 260 Nichtraucher an Lungenkrebs. Etwa 60 Säuglinge sterben jährlich durch Passivrauch im Haushalt sowie durch vorgeburtliche Schadstoffbelastungen, weil die Mutter während der Schwangerschaft rauchte.

Tabakindustrie angeklagt

"An den Folgen des Passivrauchens versterben in Deutschland derzeit jährlich vermutlich mehr als 3.300 Nichtraucher, das sind mehr Todesfälle als gegenwärtig pro Jahr in Deutschland durch illegale Drogen, Asbest, BSE und SARS zusammen", haben Keil und Becher errechnet. Zusätzlich ist das Passivrauchen auch an der Entwicklung zahlreicher nicht tödlicher Fälle von koronarer Herzkrankheit, Schlaganfall und chronisch- obstruktiven Lungenerkrankungen mitverantwortlich.

Dass in Österreich und Deutschland die Situation mit dem Rauchverhalten so sei, führt Langer-Pötschke auf den Lobbyismus der Tabakindustrie zurück. "Die Tabakindustrie gibt jährlich 300 Millionen Euro für Marketing und Sponsoring aus." Das soll auch die soziale Akzeptanz des Tabakkonsums aufrecht erhalten, beklagt sich die Expertin, die sich eine größere Sensibilisierung des Themas wünscht. (pte)

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