"Freundschaft schließen" mit dem Tinnitus

14. Dezember 2005, 14:03
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Deutsche Wissenschafter erproben Musiktherapie - Erfolge bei bestimmten Formen von Tinnitus machen Hoffnung

Bonn - Mit einer speziellen Musiktherapie haben deutsche Wissenschafter nach eigener Darstellung beträchtliche Fortschritte im Kampf gegen die mitunter extrem belästigenden Dauergeräusche im Ohr erzielt. Wie die Forscher der Fakultät für Musiktherapie der Fachhochschule Heidelberg am Mittwoch in Bonn erklärten, eignet sich die Methode für die Behandlung mittelschwerer chronischer Tinnitus-Erkrankungen, bei denen der Patient einen eindeutigen Ton hört, nicht aber ein Knirschen oder Zischen.

Anfreundung mit einem Störfaktor

Bei der Therapie wird zunächst mit einem Sinusgenerator exakt die Tonfrequenz bestimmt, die der Patient hört. Die weiteren Therapieschritte umfassen dann Übungen wie das "Umsingen" des Tones seitens des Patienten zum Hintergrundklang eines großen Gongs, eines Vibraphons oder eines Klaviers. Die Patienten lernen, "Freundschaft zu schließen mit dem Ton, der während des Musikhörens nicht mehr stört", sagte Professor Hans Volker Bolay. Mit Hilfe der Therapie - die auch die psychologische Bewältigung von Stress umfasst, der dem Leiden häufig zu Grunde liegt - soll der Patient wieder aktiv zum Hören auf der bis dahin gestörten Frequenz erzogen werden.

Das Deutsche Zentrum für Musiktherapieforschung berichtete über gute Ergebnisse erster Studien. Bei drei von zehn nach der neuen Methode behandelten Patienten sei der Tinnitus vollständig verschwunden, bei weiteren sechs eine deutliche Besserung erreicht worden, die auch sechs Monate nach der Behandlung noch angehalten habe, erklärte die Psychologin Heike Anstatter. Bei einer konventionell mit Medikamenten behandelten Kontrollgruppe von zehn weiteren Patienten sei kein wesentlicher Erfolg zu verzeichnen gewesen.

Studie soll weitere Erkenntnisse bringen

Die Forscher wollen nun eine Studie mit 75 Tinnitus-Patienten durchführen. Per Magnetenzephalographie erzeugte Bilder des Hörzentrums im Gehirn zeigen, dass bei Tinnitus andere als die eigentlich für die gestörte Hörfrequenz zuständigen Nervenzellen aktiv werden. Die Forscher wollen herausfinden, ob sich durch die Musiktherapie diese Fehlaktivität auch in den Bildern erkennbar zurückbildet. "Das wäre eine Sensation", sagte Bolay. Damit könnte erstmals gezeigt werden, dass ein psychologischer Eingriff durch Veränderungen im Gehirn sichtbar werde.(APA/AP)

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