Exodus bei russischem TV-Sender nach Übernahme mit RTL-Beteiligung

12. Dezember 2005, 10:33
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Führende Journalisten haben das Unternehmen unter Zensurvorwürfen verlassen

Nach der Übernahme des russischen Fernsehsenders Ren-TV durch RTL und kremlnahe Konzerne haben führende Journalisten das Unternehmen unter Zensurvorwürfen verlassen. "Faktisch sind eine Zensur sowie die totale Kontrolle eingeführt worden", begründete die für Nachrichten zuständige Chefredakteurin Jelena Fjodorowa am Montag ihre Entscheidung. Ende November hatte Ren-TV seine populärste Moderatorin Olga Romanowa abgesetzt, nachdem sie einen Fall von Zensur öffentlich kritisierte. Auch Romanowa sowie weitere Kollegen reichten nach Angaben der Agentur Interfax die Kündigung ein.

In der weitgehend vom Kreml kontrollierten Fernsehlandschaft galt der private Sender Ren-TV als letzter Hort freier Berichterstattung. Im Sommer hatten die Gründer den Sender zu 30 Prozent an die RTL Group (Luxemburg) und zu je 35 Prozent an die russischen Großkonzerne Sewerstal und Sugutneftegas verkauft, die der Regierung nahe stehen.

Kritik richtet sich vor allem gegen neuen Eigentümer

Die Kritik der Journalisten richtet sich vor allem gegen den von den neuen Eigentümern eingesetzten Generaldirektor bei Ren-TV, Alexander Ordschonikidse. Er habe in der Redaktion eine Atmosphäre der Angst und des allgemeinen Misstrauens geschaffen. Ordschonikidse hatte Ende November Zensurvorwürfe zurückgewiesen. Der Konflikt mit der abgesetzten Moderatorin sei rein arbeitsrechtlich, sagte Ordschonikidse.

Im konkreten Fall war nach Angaben der Journalisten in den Hauptnachrichten ein kritischer Bericht über den Sohn von Verteidigungsminister Sergej Iwanow gekippt worden. Jenem Alexander Iwanow war vorgeworfen worden, eine Fußgängerin überfahren und getötet zu haben. Er kam aber straffrei davon.

Auch Michail Gorbatschow bezog in den vergangenen Wochen zum Vorfall in der Redaktion von Ren-TV Stellung. "Damit ist der letzte Sender verloren gegangen, der eine gewisse Unabhängigkeit und Objektivität wahrte", sagte der sowjetische Ex-Präsident Ende November in Moskau. (APA/dpa)

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