Schiffbruch in Österreich-Ungarn

13. Dezember 2005, 12:23
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Rückblick auf die gar nicht schiffbrüchige Medien- und Architektur-Biennale in Graz

Graz - Am Sonntag ging die siebte Medien- und Architektur-Biennale in Graz zu Ende. Seit 1993 gibt es das Architekturfilmfestival bereits. Doch im Rückblick und Vergleich zu den vorhergehenden Veranstaltungen erschien das heurige Festival unter einem anderen Stern - und musste ohne die EU-Gelder der früheren Jahre auskommen. Was in der Fachpresse schon im Vorfeld des Festivals in verbal polemischen Attacken ausgeartet ist, erscheint im Rückblick jedoch als gekonnter Zug der Kuratorin Charlotte Pöchhacker.

Gespart wurde weitestgehend dort, wo der Schmerz erträglich schien. So ist die Preisverleihung der Filme beispielsweise auf den 26. April 2006 verschoben worden, auf ein interdisziplinäres Event mit qualitätsvollen Beiträgen von Rang und Namen musste im Gegenzug nicht verzichtet werden.

Den Beginn am Donnerstag, den 1. Dezember, machte der Philosoph Peter Sloterdijk mit Gedanken über "Architektur als atmosphärische Verantwortung", so der Titel seiner Eröffnungsrede. Die übrigen drei Tage standen ganz im Zeichen des Architekturfilms. 49 Filme und Videos aus 20 Ländern, darunter auch jene, die unter politischen und marketingtechnischen Gesichtspunkten zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind beziehungsweise nie mediale Präsenz erreicht haben.

Bilder und Denkräume

"Wir haben uns um spannende Arbeiten bemüht", erklärt Pöchhacker im Gespräch mit dem STANDARD, "und wollten aufzeigen, dass Bilder auch Denkräume erzeugen können". Dem Festival sei viel Respekt gezollt worden, betont die Kuratorin, denn trotz finanzieller Kürzungen hätten sich viele Filmschaffende und Vortragende gefunden, die großes Interesse an einer Teilnahme gezeigt hatten.

Der Filmemacher Heinz Emigholz zeigte unter dem Titel D'Annunzios Höhle seine typisch schrägen Standbilder aus der Villa des italienischen Dichters. Bitter und Weber frönten am Beispiel einer Wohnsiedlung in Caracas dem Phänomen der Living Mega- structures. Und Stan Neumann präsentierte eine Doku über eine außergewöhnliche Ausstellung im New Yorker Guggenheim-Museum, die dem Künstler Daniel Buren gewidmet war.

Letztgenannter Programmschwerpunkt bildete auch die Grundlage für die parallel laufende Vortragsreihe über das Ausstellen und die mediale Präsenz der Architektur, an der unter anderem Klaus Kada, Eilfried Huth, Volker Giencke, Artec-Architekten, Lilli Hollein, Marc Ries und Klaus Stattmann teilnahmen. Letzterer ist weniger durch seinen Namen als durch sein Händchen für die Architektur der Wiener Subkultur ein Begriff - ja tatsächlich, auch das Szenelokal Fluc 2 am Praterstern hatte einmal einen Architekten zu Gesicht bekommen.

Den samstäglichen Abschluss bildete eine Doppelconférence zwischen Manfred Wolf-Plottegg und Peter Weibel, die sich - ganz nach Vorbild von Farkas und Waldbrunn - regelrecht in die humorvollen Haare geraten sind. Laut Weibel mische sich die Politik "in Österreich-Ungarn" viel zu sehr in die Kunst ein, "dadurch erleidet die Kultur regelrecht Schiffbruch".

Der eigentliche Ausklang am Sonntag widmete sich den Konflikten zwischen Israel und Palästina und zeigte auf, was Peter Weibel in seinem politik-kritischen Statement am Tag zuvor bereits vorweggenommen hatte. Der Video-Kurzfilm Concrete Wall von Edgar Endress lieferte am vierten und letzten Tag der Medien- und Architektur-Biennale Graz den eingehenden Beweis dafür, dass das Gebaute die Disziplin des rein Architektonischen oftmals zu sprengen vermag. (DER STANDARD, Printausgabe, 06.12.2005)

  • "Living Megastructures" von Sabine Bitter und Helmut Weber
    foto: programmheft

    "Living Megastructures" von Sabine Bitter und Helmut Weber

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