Titten und Dienstmütze auf der Hutablage

7. Dezember 2005, 19:02
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M. überlegte, sich einen Deppen-Aufkleber für den Wagen zuzulegen. Schließlich will keiner öfter als notwendig Strafe zahlen...

Es war gestern. Und M. war nicht sicher, ob sie wirklich nur auf der Suche nach einem passenden Deppen-Aufkleber für den Wagen ist, oder doch auch ein bisserl darüber nachdenkt, ob sie sich nicht etwas Ähnliches zulegen sollte. Kein Handtuch mit Blondine zwar, aber vielleicht doch einen Polizeimütze. Oder einen Feuerwehrhelm. Weil ganz ohne Wirkung dürfte derlei eventuell doch nicht sein. Sonst würden nicht so viele Autos mit einschlägigen Aufklebern herumfahren.

In Sachen Strafmandatsvermeidung, gab M. zu, sei sie nämlich pragmatisch eingestellt. Aber es habe sich noch nie ergeben, dass sie einen Gebrauchtwagen ausgerechnet von einem Polizisten oder einem ORF-Mitarbeiter gekauft hätte. Und das Vorhandensein von Aufklebern wie „Polizeisportverein“, „Cobra“ oder „ORF-Zentrum Küniglberg“ allein als Kaufkriterium zu machen, meinte M., wäre dann vielleicht doch überzogen.

Effizienz

Noch dazu, wo kein Mensch bestätigen könne, dass derlei Aufkleber auch irgendeinen Effekt hätten: Ob Parksheriffs wirklich angesichts eines Polizeisport-Testimonialklebers so beeindruckt sind, dass sie vergessen auf den Parkschein zu schauen, ob die Liebe zu ORF-Mitarbeitern das Zuparken von Einfahrten den Eingeschlossenen tatsächlich zur reinen Freude macht und ob Arzt-im-Dienst-Schilder in schräg auf Gehsteig stehende Luxus-Sportcabrios vor Edeldesignern und Haubenlokalen Abschlepptrupps auch im echten Leben paralysieren, sei schließlich nirgendwo nachzuprüfen.

Und dass der „Presse“-Saugnapf an der Windschutzscheibe einzig dazu führt, dass man kleine Kinder und Tiere den Bruchteil einer Sekunde später sieht (weil die sich nämlich immer genau dieses Segment des Sichtfeldes zum Auf-die-Straße-hüpfen aussuchen) kann ich aus eigener Praxis bestätigen. Auch, dass manche Polizisten auf das Schild (und die damit transportierte Ich-bin-was-Besseres-Attitüde) geradezu allergisch reagieren.

Visitenkarte

Aber vielleicht wirkt es ja doch: Nach der Meldung über den Tod von Werner S. tauchte auf derStandard.at ein Posting auf, in dem davon erzählt wurde, dass Herr S. seinen Rolls Royce vor dem Fitnesscenter seiner Wahl angeblich aus Prinzip auf den Gehsteig gestellt haben soll – und seine Visitenkarte hinter der Windschutzscheibe zurückließ. Und, so schwor der Poster, S. habe nie ein Strafmandat bekommen. (Wie lange und wie oft er den Wagen beobachtet hatte, stand freilich nicht in dem Kommentar.)

Egal, meinte M., es gehe in solchen Fragen ja schließlich auch um den Glauben an die Effizienz einer Maßnahme. Aber das Hochrüsten im Strafvermeidungsversuchsektor mache ihr mittlerweile fast schon Angst: In dem Mercedes in ihrer Straße prange nämlich auf der Hutablage ein Handtuch mit Titten-Nackedei. Darauf läge eine Polizeidienstmütze. (Sie hat das Ensemble fotografiert und auf Flickr gestellt. Und das sei nicht nur eklig, sondern bestätige auch ihre schlimmsten Klischeevorstellungen über das Rollenbild und die Persönlichkeitsstruktur von Angehörigen der Exekutive.

Kostümfundus

Natürlich haben wir dann darüber gestritten, ob die Mütze echt oder falsch sei. Und ob – wenn sie echt ist und tatsächlich einem aktiven Polizisten gehört – derlei Kombinationen repräsentativ seien. Und was man ihrem Besitzer für eine Nachricht hinter den Scheibenwischer klemmen sollte. Aber darum ging es eigentlich nur am Rande: Insgeheim überlegte nämlich jeder von uns, aus welchem Kostümfundus wir ähnliche Insignien der Macht entwenden könnten. Und in welchen lanigen Kombinationen wir sie in unsere Autos drappieren würden.

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