Zeitreise einer Raumvagabundin

2. Dezember 2005, 19:42
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"Woman and Memory" von Rosemary Butcher im Tanzquartier

Wien - Die Tänzerin in Rosemary Butchers Choreografie Woman and Memory ist eine Gedächtnissurferin: eine Fremde, die aus einem Paralleluniversum in einen diesseitigen Projektionsraum gerät, in dem die Zuschauer einen Wiedergänger von Erinnerungen zu fassen versuchen. Die Britin Butcher, die sich schon einmal mit dem Titel "Diva of Conceptual Dance" abfinden musste, ist in einem Atemzug mit Größen wie Trisha Brown oder Lucinda Childs zu nennen. Sie hat Generationen von Choreografen mit ihrem undogmatischen und poetischen Minimalismus beeinflusst.

Eigentlich hätte der Zuschauerraum bei der lokalen Premiere dieser Arbeit, die in München uraufgeführt wurde und in der Londoner "Tate Modern" Furore machte, gesteckt voll mit österreichischen Tänzern sein müssen. Dass dem nicht so war, weist auf die schwer zu durchbrechende Diskursunlust hin.

Elena Giannotti setzt Butchers Pläne in dem schwer zu tanzenden Vierteiler brillant um - als humanoider Projektor bei "Images Every Three Seconds", als Fata Morgana im Film Vanishing Point, als Schattenfigur im Tanzfilm The Hour und auch als Raumvagabundin in Hidden Voices. "Es ist wirklich eine Reise", sagt sie nach der Vorstellung; die Anstrengung steht ihr ins Gesicht geschrieben.

Butchers Minimalismus verzeiht keine Sekunde der Unkonzentriertheit. Jeder Energieabfall würde die Präsenz der in repetitives, spannungsgeladenes Bewegungsmaterial verstrickten Figur verwischen. Doch die Mühe lohnt sich. In den Lichtinstallationen von Charles Balfour navigiert Giannotti in einem metaliterarischen Erzählraum zwischen präziser Strukturiertheit und ebenso genau kalkulierten Brüchen.

In Martin Otters und Rosemary Butchers Film Vanishing Point rhythmisiert sie ihren langen Weg aus dem Nichts einer Ferne zu übergroßer Nähe als Metapher auf die Unerreichbarkeit der Vergangenheit und die Monstrosität der Gegenwart.

Als auf der Stelle tretendes Individuum, als Gespenst im Raum des Gewesenen und als Medium des Verhandelns existenzieller Unzeitigkeit generiert sie ein von Butcher entworfenes Stück wortlosen Philosophierens. Butcher liefert einen Nachweis dafür, wie differenziert Choreografie und Körpersprache als Antithese zu Verbalität und ihrer Grammatik formulieren kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 03./04.12.2005)

Von Helmut Ploebst
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    foto: tqw
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