Napoleon wird zur Unperson

9. Dezember 2005, 16:08
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Der bedeutendste Franzose aller Zeiten ist tief gefallen: Bei der 200-Jahr-Feier von Napoleons strahlendem Sieg in Austerlitz lässt sich Jacques Chirac entschuldigen

Vor einem Jahr war für die Franzosen die Welt noch in Ordnung: Der runde Geburtstag der Kaiserkrönung von Napoleon Bonaparte bot 2004 Gelegenheit, einen der illustersten Vertreter der Nation gebührend zu feiern. "Er hört nicht auf, uns zum Träumen zu bringen", schwärmte 2004 sogar der nüchterne Historiker Jean Tulard.

Und jetzt das: Bei der Gedenkfeier der Schlacht von Austerlitz, des größten Sieges des klein gewachsenen Kaisers, benehmen sich die Spitzenvertreter der Republik, als wäre ihnen das Ganze hochnotpeinlich. Weder Staatschef Jacques Chirac noch Premier Dominique de Villepin nahmen am Freitag an der 200- Jahr-Feier auf der Place Vendôme in Paris teil.

Was ist passiert? Diese Frage stellen in Paris auch Napoleon-Treue in den Leserbriefspalten. Nachdem Großbritannien – Napoleons Erzfeind! – unlängst die Seeschlacht von Trafalgar mit zehntausenden von Statisten nachgefeiert habe, gleiche das Austerlitz-Jubiläum einem "Trauermarsch", empörte sich etwa der Geschichtsautor Jean des Cars. Der Historiker Emmanuel Le Roy Ladurie meinte gar, zweieinhalb Jahrhunderte französischer Geschichte endeten "im Abfalleimer".

Der Grund ist, wie immer in Frankreich, die aktuelle Politik. Oder genauer gesagt die Wiedereinführung der Sklaverei durch Napoleon I. im Jahre 1802 – acht Jahre, nachdem sie in der Revolution abgeschafft worden war. Historiker führen wirtschaftliche und militärische Motive an, dass der Kaiser wieder afrikanische Sklaven brauchte. Ein junger Autor, Claude Ribbe, geht aber heute viel weiter: In einem Buch ("Das Verbrechen Napoleons") vergleicht er das kaiserliche Vorgehen in den Überseekolonien mit Hitlers Rassenpolitik – Napoleon habe in einzelnen Schiffen auch Bewohner von Martinique und Guadeloupe "vergast".

Kritik an dem schillernden Kaiser hatte es immer gegeben. Aber sie störte weder die Gedenkfeiern von 2004 noch den Status des "größten" Franzosen aller Zeiten.

Seit den Vorstadt-Ausschreitungen im November bekennen sich Frankreichs Schwarze aber offen als Sklavennachfahren; vor einer Woche haben sie sich in einem Dachverband organisiert, und heute findet in Paris eine Kundgebung "gegen historischen Revisionismus" – gemeint ist: gegen die Verdrängung der Sklaverei-Vergangenheit – statt. Ein Kritikpunkt werden dabei auch die Napoleon-Feiern sein. Viele Franzosen staunen nun, dass sich selbst Chirac dem Druck beugt, nachdem er sich bisher stets geweigert hatte, den Sklavennachfahren auch nur einen symbolischen Gedenktag einzuräumen. Wenn ein vor knapp 200 Jahren verstorbener Kaiser fast zur Persona non grata wird, zeigt sich, wie stark die Krawalle Frankreich durchgerüttelt haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.12.2005)

Von Stefan Brändle aus Paris
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    Historische Winterspiele in Tschechien: In dem nahe von Brünn gelegenen Ort Austerlitz wird die Schlacht nachgestellt.

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