Ein Jahr nach PISA: Unterschiedliche Einschätzungen der Schulpartner

21. März 2006, 12:03
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Eltern enttäuscht - LehrerInnen: Ersten Platz statt Mittelmaß anstreben - Bundesschulsprecher lobt Entwicklung

Unterschiedlich schätzen Eltern-, Lehrer- und Schülervertreter ein Jahr nach Publikation der PISA-Studie gegenüber der APA die Reaktionen der Politik darauf sowie die Entwicklung seither ein. Während sich die Eltern eher enttäuscht zeigen, schätzen die Schüler die Situation positiv ein. Die Pflichtschullehrer-Gewerkschaft hält zahlreiche Interpretationen der Studie für überzogen - klar sei aber, dass man vom Mittelfeld möglichst bald wegkommen müsse.

"Überinterpretiert"

Nach Ansicht des Vorsitzenden der Pflichtschullehrer-Gewerkschaft, Walter Riegler, wurde die PISA-Studie "überinterpretiert". Zunächst habe man auf das Ergebnis und insbesondere den Abfall gegenüber der davor liegenden Studie "wie auf ein Heiligtum geschaut", mittlerweile sei man aber unsicher, ob manche Resultatsveränderungen nicht innerhalb einer Schwankungsbreite liegen würden, die in Richtung vernachlässigbarer Größe gingen. Schlussendlich wäre dies aber egal: Klar sei, dass man nur irgendwo im Mittelfeld liege, es aber den ersten Platz anzustreben gelte.

Unabhängig von Ranglisten habe die Studie außerdem die Erfahrung vieler Lehrer bestätigt, dass es "Kinder gibt, die am Ende der Schulzeit nicht lesen können". Wenn man die Zahl dieser Jugendlichen in den nächsten Jahren von derzeit 15 auf zehn oder fünf Prozent reduzieren könne, sei man am richtigen Weg. Dafür dürfe man aber nicht nur an einem Rad - nämlich den Lehrern - drehen, sondern auch etwa bei der Elternarbeit ansetzen.

"Enttäuscht"

Mittlerweile enttäuscht zeigt sich der Vorsitzende des Dachverbands der Elternvereine an den Pflichtschulen, Kurt Nekula, vom Umgang mit der PISA-Studie. Zunächst seien die Elternvereine von den Ankündigungen der Regierung "sehr beeindruckt" gewesen. Es seien sich grundsätzlich ja auch alle bewusst, was für eine Qualitätsverbesserung passieren müsse - etwa die Ermöglichung von Kleingruppen, eine Veränderung der Lehrer-Ausbildung in Richtung Individualisierung des Unterrichts oder verpflichtende schulinterne Lehrer-Weiterbildung. Die Überschriften über den vom Bildungsministerium vorgelegten Schulpaketen seien auch richtig - in diesen sei aber einfach zu wenig Inhalt.

Deutschkurse für Zuwandererkinder ganz ohne Sprachkenntnisse würden nicht reichen. Weiterer Schwachpunkt: Alle bisher angekündigten Maßnahmen würden strikt unter dem Motto der weitgehenden Kostenneutralität stehen. In der Prioritätsliste der Regierung wären bildungspolitische Anliegen mittlerweile - anders als in den Ankündigungen nach der Publikation der Studie - nicht im oberen Viertel angesiedelt. Ziel müsse sein, dass die Schülerleistungen nicht mehr so weit auseinander liegen und der soziale Status der Jugendlichen nicht so starken Einfluss auf die Ergebnisse habe.

"Wachgerüttelt"

Positiv bewertet dagegen Bundesschulsprecher Istvan Deli die Entwicklung nach Veröffentlichung von PISA. Die Studie habe die Regierung sowie alle Bildungsverantwortlichen wachgerüttelt. Ab diesem Zeitpunkt sei klar gewesen, dass Veränderungsbedarf bestehe: "Man hat gesehen, wir sind etwas schlechter platziert, jetzt muss man was tun." Die in der Folge beschlossenen Schulpakete seien durchwegs positiv. Trotzdem müsse die Diskussion am Laufen bleiben. Er persönlich freue sich bereits auf die nächste PISA-Studie und sei gespannt, ob dann bereits Verbesserungen zu erkennen seien. (APA)

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