Osthoffs Angehörige bitten Geiselnehmer auf Video um Gnade

5. Dezember 2005, 09:53
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Arabischer Sender Al Jazeera strahlt Video von Osthoffs Mutter und die Schwester aus - Berlin hat weiterhin keinen Kontakt zu Entführern

München - Die Mutter und die Schwester der im Irak verschleppten Deutschen Susanne Osthoff haben sich mit einer Videobotschaft an die Entführer gewandt. Das Band wurde am Donnerstagabend erstmals im arabischen TV-Sender Al Jazeera ausgestrahlt. Anja Osthoff, die Schwester, erklärt darin unter anderem, die Entführte sei bekennende Muslimin und treusorgende Mutter einer Tochter.

Weiter sagt sie: "Meine Schwester hat lange in Eurem Land gelebt und sich im Irak engagiert. Susanne hat kranken Menschen Medikamente gebracht. Sie liebt die große irakische Kultur. Sie setzt sich dafür ein, dass die Schätze des Irak dem irakischen Volk erhalten bleiben. Wir appellieren an Sie, das Leben meiner unschuldigen Schwester und ihres Begleiters zu verschonen." Ingrid Hala, die Mutter von Susanne Osthoff, sagte: "Wir bitten Sie inständig: Seien Sie barmherzig und gnädig mit meiner Tochter und lassen Sie sie und ihren Begleiter so schnell wie möglich wieder frei."

Weiterhin kein Kontakt zu Geiselnehmern

Unterdessen sind die deutschen Behörder weiterhin nicht erfolgreich, was eine Kontaktaufnahme zu den Geiselnehmern betrifft. "Es sind keine neuen Entwicklungen mitzuteilen", sagte der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Jäger, am Freitag in Berlin, wo der Krisenstab des Ministeriums erneut über die Entführung beriet. "Wir setzen unsere umfassenden Anstrengungen unvermindert fort."

Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) bekräftigte im Hinblick auf Forderungen der Entführer, Deutschland sei nicht erpressbar. "Wir werden alles Menschenmögliche für Staatsbürger tun, die in Gefahr sind." Er sagte aber auch: "Man darf nicht auf die Forderungen von Erpressern eingehen." Im Interesse der Entführten solle man sich auch mit Informationen und Spekulationen über den Fall zurückhalten. Mehrere Experten hatten erklärt, sie vermuteten hinter der Tat weniger politische als kriminelle Motive, so dass die Geiselnahme vielleicht durch Lösegeld zu beenden sei. Die Bundesregierung ist gegen Lösegeldzahlungen, um eventuelle Nachahmungstaten zu verhindern.

Irakischer Botschafter: Zeitpunkt der Entführung kein Zufall

Der irakische Botschafter in Berlin, Alaa Hussein Al-Hashimi, sagte, der Zeitpunkt der Entführung sei kein Zufall, denn in zwei Wochen fänden Wahlen im Irak statt. Vermutlich werde es bis dahin viele Versuche von Terroristen geben, "sich und der ganzen Welt zu beweisen, dass sie präsent sind", sagte er im ARD-Morgenmagazin. "Aber der politische Prozess geht weiter."

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas brachte eine gemeinsame Kundgebung islamischer Verbände, der Kirchen und anderer Organisationen für die Freilassung Osthoffs ins Gespräch. "Wir werden ... überlegen, ob wir gemeinsam eine Demonstration organisieren sollen", sagte er der "Berliner Zeitung". Der Zentralrat ist einer von mehreren Dachverbänden der in Deutschland lebenden Moslems.

Bekannter glaubt an Durchhaltewillen Osthoffs

Ein Bekannter Osthoffs, der emeritierte Professor Ulrich Gottstein, der die Deutsche durch ihr Engagement für die Kinderhilfe Irak kennt, sagte der "Berliner Zeitung", er glaube an den Durchhaltewillen der Frau. "Frau Osthoff ist eine zarte Frau, aber körperlich sehr leistungs- und strapazierfähig. Das wird ihr in der Geiselhaft helfen", sagte Gottstein. Zudem glaube er, dass sie sich beherrscht und rational verhalten werde. Den Vorwurf, Osthoff habe fahrlässig gehandelt, wies Gottstein zurück. Sie habe sich zwar im Bewusstsein der Gefahr im Irak aufgehalten, um Hilfe zu leisten und sich für die Bewahrung der archäologischen Schätze einzusetzen. "Frau Osthoff ist aber sicher nicht naiv. Sie hat sich immer so gekleidet, dass sie möglichst wenig Aufsehen erregte, und spricht perfekt Arabisch." Das Risiko sei stets kalkuliert gewesen, meinte er.

Niemand weiß, wie lange das neue Entführungsdrama dauern könnte. Die ebenfalls entführte französische Journalistin Florence Aubenas und ihr irakischer Fahrer waren im Juni erst nach mehr als fünf Monaten wieder freigekommen. Und auch die italienische Journalistin Giuliana Sgrena hatte einen Monat auf die Freilassung warten müssen. (APA/AP/dpa/Reuters)

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