Die Rückkehr des Propheten

27. März 2006, 16:00
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Tom Ford verwandelt Mode in Must-Haves - Jetzt hat der Fashionmagier der Neunziger ein Parfum und eine Beautyserie für Estée Lauder entworfen

Es gibt tausende Fotos von Tom Ford, und auf jedem Einzelnen sieht er genau gleich aus. Immer trägt er ein schwarzes Jackett und kurze schwarze Haare, immer ein aufgeknöpftes Hemd, das keine Falte wirft, keine einzige, wie auch seine Gesichtshaut nicht; vielleicht sind ja auch beide aus dem gleichen Material, aus irgendetwas Übermenschlichem.

Menschlich dagegen schauen die Statisten aus, die auf den Bildern links und rechts von ihm stehen, plump und schief, neben ihm, dem Wunderschönen. Meist starren sie Ford an, voller Ehrfurcht, als sauge er ihre Blicke auf wie ein schwarzes Loch das Licht. Vielleicht sind es diese Blicke, die ihm das Rückgrat durchdrücken, das Kinn heben, auf die immergleiche Weise. Ja, vielleicht sind es diese Blicke, die den ganzen perfekten Tom Ford zusammenhalten, vielleicht fiele er ohne sie einfach in sich zusammen, leicht knistern würde es, und übrig bliebe nur ein wenig Goldstaub.

Damit das nicht passiert, ist Ford jetzt wieder da - dort, wo die Linsen der Kameras, die Augen der anderen zu Spiegeln werden, die alles Licht auf ihn lenken. Im Frühjahr 2004 hatte er Gucci und Yves Saint Laurent im Streit verlassen. Für den Kosmetikriesen Estée Lauder hat er ein Parfum und eine Beauty-Serie entwickelt, und in den nächsten Jahren will er aus seinem Namen die erste Luxusmarke des neuen Jahrtausends machen.

Gucci-Dame mit Glamour und Sex

Als Chefdesigner bei Gucci hat Ford nicht nur Kleider erfunden, die zum kollektiven Gedächtnis des vergangenen Jahrzehnts gehören, wie etwa die samtene Hüfthose, die bestickten Jeans; er hat auch gleich noch eine neuen Frau erschaffen, die Gucci-Dame, die Glamour und Sex vereint. Und vor allem hat er einen neuen Typ von Designer kreiert, einen, der nicht nur schneidern kann, sondern auch rechnen, einen, der Schönheit nicht nur entwirft, sondern auch inszeniert. "Was unterscheidet eine schwarze Gucci-Hose von einer schwarzen Valentino-Hose?", fragt Tom Ford und antwortet: "Nicht viel. Es geht nur um das Image, das der Designer selbst mit einbringt." Dieses Bild von sich bringt er nun in seine Beauty-Kollektion ein. Dem Parfümklassiker "Youth Dew" von Estée Lauder fügt er nicht nur ein paar neue Duftstoffe hinzu wie etwa dunkle Schokolade, sondern auch ein paar Buchstaben, seine Buchstaben, seinen Namen, ein Akt der Magie, der aus einem etwas verblassten, vergessenen, veralteten Parfum ein modernes Must-Have macht.

Diese Art der Zauberei hat Marcel Duchamp bereits vor Jahrzehnten auf noch viel radikalere Weise vorgeführt: Er verwandelte eine Fahrradfelge in ein Kunstwerk, einfach weil er, der berühmte Duchamp, sie in ein Museum stellte. Nicht die Seltenheit eines Kunstwerks begründet seinen Wert, sagt die Kunstsoziologie: die Seltenheit des Künstlers. Das weiß auch Tom Ford: "Mein Gesicht", so sagt er, "wird mit einem Produkt verbunden - und übt dadurch Macht aus."

Ausweitung auf andere Bereiche der Kunst

Eine Macht, die er nun auch auf andere Bereiche der Kunst ausdehnen will. Seit dem vergangenen Jahr bereitet er mehrere Filmprojekte vor, als Regisseur und als Produzent. Und Robert Downey Jr. war begeistert: "Ich werde in jedem Ford-Film mitspielen, weil er mich gut aussehen lassen wird." Aber genau dazu hat Ford keine Lust. Der Film "Monster" ist sein Vorbild. Dort spielt die eigentlich sehr hübsche Charlize Theron eine aufgeschwemmte, verbrauchte Prostituierte. "Ich will keine Fashion-Filme machen, ich will etwas Bedeutendes schaffen", sagt Ford. Aber das hängt nicht nur von seinem Talent ab, sondern auch von der Bereitschaft des Filmpublikums, in Ford mehr zu sehen als nur einen Designer. Ein Zauberer kann nur zaubern, wenn sein Publikum sich auch bezaubern lassen will. "Es geht nicht so sehr darum, was die Schöpfer erschaffen", hat der Soziologe Pierre Bourdieu einmal über die Kunst- und Modeproduzenten gesagt, "es geht auch darum, wer die Schöpfer erschafft."

Die Kosmetikindustrie und ihre Kunden machen das mit Ford jedenfalls gerne. "Es ist definitiv Zeit, dass jemand das Beauty-Business aufmischt", findet Ford. "Es gibt momentan niemanden, der dort das Prädikat 'sexy' für sich in Anspruch nimmt." Sinnlichkeit, Glanz und Glamour jedoch kann Ford der Branche im Überfluss geben. Denn er kennt die Regeln, die bedeutendsten und die geringsten: "Sie werden kein Foto von mir finden, auf dem ich lache oder auf dem ich mein linkes Profil zeige."

Parfum und Make-up

Vom Geschmack seiner Mutter hat Tom Ford nie viel gehalten. Als Kind sagte er ihr immer: "Das kannst du nicht anziehen! Das mag ich nicht! Das hasse ich!" Seine Großmutter hatte es da schon besser. Sie trug stets den Duft "Youth Dew" von Estée Lauder, der bereits den kleinen Tom faszinierte. Diesen Duft, diese Erinnerung an seine Kindheit, hat er nun behutsam modernisiert, weniger schweres Patchouli, mehr Leichtigkeit. Viel Mühe hat er auch auf die Verpackung verwandt. "Ich habe sie modernisiert und reduziert. Das Flakon soll wunderbar in der Hand liegen. Denn der Akt, ein Parfüm anzuwenden, ist unglaublich sinnlich."

Tom Ford ist ein Kontrollfreak, obwohl er das Wort hasst. "Was ist schon dabei", findet er. "Es steht ja am Ende auch mein Name darunter, also sage ich, wie die Dinge laufen. Das ist ja schließlich keine Demokratie." Klar und umkompliziert ist das Make-up dann auch geworden. "Ich habe mich auf den Look konzentriert, den ich immer schon mochte." Das bedeutet: weiche, sinnliche Lippen, die wie ungeschminkt wirken, eine schimmernde Haut und dramatische, starke Augen - eben die typische Ford-Frau. Übrigens hat Tom Ford alles selbst getestet: "Man muss einfach selbst spüren, wie es funktioniert, wie es sich anfühlt, wie es riecht, was es mit deinen Lippen macht."
(Jakob Schrenk/Der Standard/rondo/01/12/2005)

Die Tom Ford Estée Lauder Collection wird in Österreich nicht erhältlich sein. Im Februar gibt es allerdings den Duft "Youth Dew Amber Nude" auch hier zu Lande.
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    Tom-Ford-Make-up-Serie

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    Er will, dass auch Kosmetik sexy wird: Tom Ford, der texanische Modegott.

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