Die Neben- als Haupt-Sache

9. März 2006, 13:34
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Accessoires trumpfen auf: Sie sind groß, glamourös und ziehen die Blicke auf sich

Ein Beiwerk, nicht mehr. Etwas Sekundäres, zur Veredelung des Hauptsächlichen gedacht. Das ist ein Accessoire. Sein Dasein fristet es im Schatten, als stiller Begleiter oder ergebenster Diener. Nach griechischer Stilordnung ist es möglichst sparsam zu verwenden - sowohl was das bildhauerische Relief als auch die statuarische Kunst anbelangt. Nach den Regelwerken der Literatur ist es eine Nebensache - eine bloße Verzierung oder ein Statthalter fürs Lokalkolorit. Nur manchmal kommt auch dem Accessoire ein wenig Aufmerksamkeit zu. Und es schwingt sich in ungeahnte Höhen auf.

Ausschmückungen

Das Aschenputtel verwandelt sich dann in eine glitzernde Prinzessin, Werke schmücken sich mit seinem Namen - "Parerga und Paralipomena" nannte etwa der Philosoph Schopenhauer eines seiner faszinierendsten Bücher, nach dem griechischen Begriff fürs Accessoire: Parergon. Die Romantiker erklärten es zu ihrem Heroen und ganze Kunstströmungen - etwa die allegorisierende Kunst - kreisen um die Ausschmückung des ach so Nebensächlichen. Doch auch in diesen Fällen schöpft das Accessoire seine ganze Kraft aus seiner Untergeordnetheit. "Das Parergon", hat der französische Philosoph Jacques Derrida einmal formuliert, "das Parergon ist eine Form, deren traditionelle Bestimmung es ist, sich nicht abzuheben, sondern zu verschwinden, zu versinken, zu verblassen, in dem Augenblick, wo es seine größte Energie entfaltet." Vielleicht hat es sich gerade deswegen in der Moderne und im besonderen in der Postmoderne zu einem der Key-Player unserer Geistesgeschichte aufgeschwungen. Auch in der Mode.

Sammelbegriff für modisches Beiwerk

Hier wird das Wort "Accessoire" seit dem 20. Jahrhundert als Sammelbegriff für funktionales und dekoratives modisches Beiwerk verwendet. Hüte und Gürtel fallen darunter oder Taschen und Tücher. Also all das, worum sich in der Mode derzeit sowohl finanziell als auch inhaltlich so vieles dreht - auch wenn Accessoires hier genauso wie in anderen Sparten auf der Skala der Wertschätzung eine untergeordnete Rolle spielen.

Kaum einer der großen Designer, die ihre kreative Kraft dem schmückenden Beiwerk angedeihen lassen. Das ist Aufgabe jener, die in der zweiten und dritten Reihe stehen. Die Designer selbst veredeln die Dinge bloß mit ihrem magischen Namen. Accessoires, das sind Cashcows in der Mode, und noch nie war das so offensichtlich wie heute.

Noch nie war denn auch der Fetisch um die hübschen Teile so groß. Wer Chloés Paddington-Tasche oder Fendis Spy-Bag in diesem Winter trägt, der darf sich in den bewundernden Blicken seiner Lifestyle-Genossinnen sonnen. Ein von den Herstellern entfachter Kaufrausch? Sicher. Die gezielte Ankurbelung ihrer Umsätze? Na logo. Aber dann doch auch wieder mehr. Den Boom an Accessoires könnte man durchaus als logische Folge dessen sehen, was uns momentan umtreibt. Unserer Wünsche und vor allem unserer Sorgen. Und als eine letzte Verdrehung in der Welt der Mode.

Das Ewige ist eher eine Rüsche als eine Idee

"Das Ewige", hat Walter Benjamin in seinem "Passagenwerk" geschrieben "ist eher eine Rüsche am Kleid als eine Idee." Ein Gedanke, der absurd anmutet, bedenkt man die wankelmutige Willkür der Mode, einer, der allerdings gewinnt, interpretiert man Mode als einen schlagenden Ausdruck des Zeitgeistes. Das Ewige, das ist auch das Wahre: jetzt, in diesem Augenblick.

Beobachtet man, was derzeit in den Schaufenstern der Shoppingtempel angepriesen wird, dann liegt die Wahrheit des Winters '05/06 im Glitzer und im Glamour, den funkelnden Swarovski-Steinen und den samtenen Hogan-Taschen, in Riesenschnallen und Krokoleder-Gürteln. Artikel über die New Yorker Herbsttrends berichten über einen Run auf Kaschmir und der allgemeinen Verzückung angesichts der boomenden russischen Pelzkappen, Trendreports sind mit "Die neue Opulenz" oder "Wild nach Luxus" überschrieben. Keine Frage: Während die Wirtschaftsdaten stagnieren und sich das allgemeine Gejammer von einem Höhepunkt zum nächsten hantelt, haben wir die Flaute modisch bereits hinter uns gelassen. Oder wir versuchen, sie unter Lagen von Luxusaccessoires zu verstecken.

Üppigkeit statt Minimalismus

Wenn es am Arbeitsmarkt nicht gar so rosig aussieht, kuscheln wir uns wenigstens in die Stola, protzen mit Handtaschen, die einen durchschnittlichen Monatslohn kosten, oder zeigen stolz die mit Nerz besetzte Zenith-Uhr. Natürlich hat die aktuelle Opulenz auch viel mit den Wellenbewegungen zu tun, die so typisch sind für die Mode. Nach Jahren, in denen der Minimalismus regierte, ist jetzt eben das Gegenteil angesagt. Das ist übrigens auch an der Wiederkehr der Logos zu sehen, die zwischenzeitlich von den T- und Sweatshirts verschwunden waren und momentan im Zuge der allgemeinen Protzerei wiederkommen. Als ob man dem Zeitgeist von gestern wieder einmal ein Schnippchen schlagen wollte.

Etwas Grundsätzliches passiert

Doch man sollte das Ganze nicht vorschnell als bloße Laune der Mode abtun: Etwas Grundsätzlicheres ist dabei zu passieren. Das Nebensächliche, das eigentlich im Dienste der Hauptsache stehen sollte, hat das Zepter übernommen, die Accessoires triumphieren über die Mode. Nach den Verkehrungen von High und Low, von Straßenmode und Haute Couture, von Sport- und Casualwear, nach den Verwischungen zwischen Männer- und Frauenmode, ist das eine der letzten Volten, die in der Welt der Mode nach all den Dekonstruktionen noch ausstand. Mal schauen, wie die Modedesigner darauf reagieren.
(Der Standard/rondo/01/12/2005)

Stephan Hilpold erklärt, warum das Beiwerk oft wichtiger ist als die eigentliche Mode.
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    Handtaschen sind Accessoires ersten Ranges...

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