Nach Hungertod in Steyr: Geldstrafe für Beamten

2. Dezember 2005, 09:04
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17-Jährige verhungerte durch religiösen Ernährungswahn der Mutter - Amt habe zu spät eingegriffen

Steyr - Nach dem Hungertod einer 17-Jährigen im vergangenen Jahr ist ein Mitarbeiter der zuständigen Bezirkshauptmannschaft (BH) zu einer unbedingten Geldstrafe von 2.700 Euro und einer bedingten Freiheitsstrafe von fünf Monaten im Landesgericht Steyr verurteilt worden. Der Mann habe fahrlässig gehandelt, so die Begründung des Richters. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Jeder hat sich auf den anderen verlassen

Die 17-Jährige war Ende Mai 2004 in Oberösterreich tot in ihrem Bett aufgefunden worden. Wie ein psychiatrischer Sachverständiger vor Gericht ausführte, hätte man bereits Ende 2003 oder spätestens im April vergangenen Jahres einschreiten müssen. Die Einweisung der Mutter des Mädchens, die ihren "religiösen Ernährungswahn" auf die Kinder übertragen habe, in eine Anstalt wäre notwendig gewesen. "Leider hat sich jeder auf den anderen verlassen", sagte der Sachverständige. Der Ernst der Lage sei jedoch selbst für einen Laien erkennbar gewesen.

Vernachlässigung

Der BH-Mitarbeiter habe es trotz des Wissens um die "Gefährlichkeit der Situation" unterlassen, sich rechtzeitig um eine adäquate Unterbringung des Mädchens zu kümmern, so der Richter. Er habe "die Zügel schleifen lassen" und eine gewisse Verantwortung getragen, sei aber das "unterste Rädchen" gewesen. Die Staatsanwältin betonte hingegen, dass der Beschuldigte die "Drehscheibe" gewesen sei und alle nötigen Informationen gehabt, aber diese nicht weitergegeben habe. Sie sprach von einer "lang andauernden Vernachlässigung": "Sein Nichtstun hatte einen entscheidenden Einfluss auf den tödlichen Ausgang."

Ärzte hätten Lage erkennen müssen

Der Angeklagte hatte gestern, Dienstag, erklärt, dass er bei der Mutter keinen "Wahn" und bei der Schülerin selbst keine akute Lebensgefahr bemerkt habe. Sein Verteidiger sagte, dass die Erziehung in erster Linie Sache der Eltern sei. Er nahm die behandelnden Ärzte in die Pflicht, sie hätten Anzeige erstatten müssen.

Bei einem Treffen hatten der BH-Mitarbeiter, ein Pflegschaftsrichter und die Mutter noch vereinbart, dass das Mädchen untersucht und bei Bedarf stationär behandelt werde. Dazu kam es nicht mehr: Laut Staatsanwaltschaft wurde die 17-Jährige am 24. Mai 2004 gegen 22.00 Uhr tot in seinem Bett aufgefunden. Sie habe bei einer Körpergröße von 1,64 Metern nur mehr rund 30 Kilo gewogen. Das Mädchen dürfte zwischen 22. und 23. Mai an den Folgen von Nahrungsmangel gestorben sein.

Der Angeklagte erbat sich Bedenkzeit, die Staatsanwältin gab keine Erklärung ab. Das Urteil ist somit nicht rechtskräftig.

Die Mutter - sie war im April einstimmig wegen Mordes durch Unterlassung schuldig gesprochen worden - muss sich kommende Woche erneut vor Gericht verantworten. Der Oberste Gerichtshof hatte das Urteil wegen eines Formfehlers wieder aufgehoben. (APA)

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