Fundsachen: Darf man der Polizei Funde aufzwingen?

1. Dezember 2005, 19:01
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Interaktions-Möglichkeiten von Mütze, Matsch, Autoreifen und Hundelulu

Es war heute. D da hat der Kolumnenkollege im Falter darüber räsoniert, ob das hochlagern von im öffentlichen Raum verlorenen Gegenständen nicht daran Schuld sei, dass man Handschuhe, Mützen oder Schals, so sie einmal verloren sind, nie wieder findet. Weil, so mutmaßt W. im Falter, man bei der Suche nach einem Handschuh eher auf den Boden als ins Geäst eines hohen Strauches schaut.

Nicht, dass ich an W.s These zweifeln möchte. Andererseits aber vermisse ich in seiner Argumentation die Diskussion der Alternative: Eine Mütze so lange am Boden liegen zu lassen, bis der oder die Besitzerin wieder an die Verluststelle kommt, scheint mir auch nicht unbedingt zielführend. Und da habe ich noch nicht einmal über die Interaktionsmöglichkeiten zwischen Mütze, Matsch, Autoreifen und Hundelulu nachzudenken begonnen.

Plan C

Nur eines weiß ich ganz bestimmt: Plan C führt auch zu wenig. Plan C heißt nämlich, die Dinge abzugeben. Und dazu hat Kollegin S. kürzlich eine launige Erzählung zum besten gegeben. Und auch wenn es darin nicht um eine aufgelesene Mütze oder einen gefundenen Schal ging, glaube ich nicht, dass ihr Erlebnis bei der Abgabe einer Kleintextilie grundlegend anders verlaufen wäre.

Kollegin S. hat nämlich eine Tasche gefunden. Eine Herrenhandtasche. In einem Öffi-Wartehäuschen. Und weil sie eine ehrliche Haut ist, nahm sie die Tasche an sich, schaute ein paar Mal um das Wartehäuschen – und überquerte dann (die ungeöffnete Tasche in Händen) die Straße. Weil nicht weit von hier eine Polizeiwachstube lag.

Unzuständig

Bloß: Dort, so erzählte es S. jedenfalls, habe man sich für nicht zuständig erklärt. Fundsachen, erklärte man S., seien Sache des Fundamtes. Aber man wäre gerne bereit, ihr die Adresse der Behörde zu verraten. S. müsse dorthin fahren um die gefundene Tasche abzugeben.

S. war ein bisserl verdutzt: Sie habe weder Zeit noch Lust, wegen einer Tasche die irgendwo vergessen worden war, Um- und Behördenwege zu machen. Das Fundamt läge nicht auf ihrer Route – sie denke nicht im Traum daran, dorthin zu fahren.

Vorschrift

Der Sicherheitswachebeamte bedauerte: Das sei nun eben einmal so geregelt. Die Polizei sei nicht Annahmestelle für anderer Menschen Hab und Gut. S., so der Beamte, werde sich schon auf den Weg zur anderen Behörde machen müssen. Und damit Ende der Debatte.

S. debattierte auch nicht weiter. Sie erklärte, dass sie nicht plane, spazieren zu fahren. Und dass sie die gefundene Tasche jetzt hier lassen werde. Und wenn der Beamte sich weigere, sie anzunehmen, werde sie sie eben im Vorraum der Wachstube verlieren. Sprach´s, legte die Tasche auf den Boden vor dem Schalterfenster und verließ das Kommissariat.

Nachverfolgung

Da ihr weder ein Polizist nacheilte noch die Tasche nachgeworfen wurde, geht S. nun davon aus, damit keine unrechte Handlung begangen zu haben. Freilich bedauert sie seither auch ein wenig, nicht zu wissen, wie sie den weiteren Weg der Tasche nachverfolgen kann: Ob sich wenige Minuten nach dem „Fund“ der Tasche im Vorzimmer des Wachzimmers dann tatsächlich ein Polizist in den Dienstwagen gesetzt hat, um das Objekt zum Fundamt zu bringe, würde sie nämlich schon interessieren.

Mich auch. Denn wenn dem so ist, wäre so ziemlich alles, was man sich damals an Begeleitgetöse rund um die Neuordnung des Fundwesens angetan hat, für die Katz´ gewesen. Und wenn die Tasche (was ich aber nicht glaube) nicht beim Fundamt gelandet ist, wäre das eine interessante (dienst-)rechtliche Frage.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten – Archiv – zum Wiederlesen & Weiterschenken. "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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