"Das Schwarze Meer spiegelt Konflikte wider"

7. Dezember 2005, 14:36
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Der bulgarische Politologe Minchev im STANDARD-Interview: Europa sollte sich in der Schwarzmeerregion engagieren

DER STANDARD: Es gibt keine gemeinsame Identität der Schwarzmeernationen. Weshalb sollten sie nun zusammenarbeiten?

Minchev: Die Konflikte dort stammen aus dem Konkurrenzkampf zwischen dem russischen und osmanischen Imperium, die die Region drei Jahrhunderte lang dominierten. Der Kalte Krieg war so kalt, dass er diese Konflikte eingefroren hat. Das Erbe - die Zersplitterung und Zerstörung - sind für die kleinen Nationen im Südkaukasus schmerzvoll. Es kann aber heute überwunden werden, wenn der wachsende europäische und transatlantische Einsatz genutzt wird. Denn der Westen will die Region stabilisieren, um strategische Aufgaben im Nahen Osten und Zentralasien zu bewältigen. Die Schwarzmeerländer müssen die Interessen des Westens für sich arbeiten lassen und ein Sicherheitssystem schaffen, das Teil des westlichen ist. Es wird aber noch Zeit brauchen, bis die politischen Eliten verstehen, dass eine regionale Partnerschaft die Lobbyingmacht gegenüber Westeuropa vergrößern würde.

STANDARD: Wie bekommt man Russland an Bord?

Minchev: Das erfordert zunächst eine neue und starke Identität für Russland selbst. Nach dem Verlust des Imperiums fehlt es in der Elite an Selbstbewusstsein, das das Land in den Kontext der heutigen Welt zu stellen vermag. Ich glaube aber, dass Russland in diesem Jahrhundert einen Platz als Partner Westeuropas finden wird. Denn die Herausforderungen, die Russland gegenüberstehen - im islamischen Süden, im chinesischen Osten -, kann es nicht alleine meistern. Die konkreten Schritte zu einer Partnerschaft sind aber noch Gegenstand einer großen Kontroverse zwischen Russland und dem Westen, deshalb wird es noch ein oder zwei Jahrzehnte dauern, bis sie geschlossen werden kann.

Leider wird das eine Zeit sein, in welcher sich die Konflikte zwischen Russland und dem Westen im Schicksal der kleineren Nationen vor allem am Schwarzen Meer widerspiegeln werden. Die Bevölkerung in Abchasien etwa ist eine Geisel dieser großen Ungewissheit zwischen dem Westen und Russland, wer den Südkaukasus als strategische Straße nach Zentralasien kontrollieren wird.

STANDARD: Weshalb sollte sich das ändern?

Minchev: Die Kräfte der Zukunft - China, Indien, Brasilien und die mächtigen Bewegungen in der islamischen Welt - werden immer strukturierter und aktiver. In dem Kontext muss man sich ändern oder man verliert. Am Ende wird Russlands sich entscheiden, nicht zu verlieren.

STANDARD: Wie soll sich Europa in der Region verhalten?

Minchev: Wer sich nicht mit den Problemen der Schwarzmeerregion befasst, befasst sich nicht mit den Grenzen Europas und den Beziehungen, die diese schaffen werden. Es ist nicht egal für Europa, ob es Partnerschaften hat oder an der Grenze von Konflikten feindseliger Nationen steht. Die Schwarzmeerländer in eine Welt der europäischen Werte und Strukturen zu integrieren, dient zu allererst Europa selbst. Denn wie die Ukrainer, Georgier und Russen morgen leben werden, wird das Leben der Europäer sehr stark beeinflussen. (DER STANDARD, Print, 30.11.2005)

Das Gespräch führte Adelheid Wölfl.

Zur Person

Ognyan Minchev ist Direktor des Instituts für regionale und internationale Studien (IRIS) in Sofia.

Nachlese

EU müht sich mit dem Schwarzen Meer

  • Ognyan Minchev
    foto: standard/fischer

    Ognyan Minchev

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