Wird letztes Romanfragment Nabokovs verbrannt?

28. November 2005, 20:07
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Sohn überlegt letztem Willens seines Vaters zu entsprechen: "Ich habe noch keine endgültige Entscheidung getroffen"

Moskau - Der Sohn des Schriftstellers Vladimir Nabokov (1899-1977) will dessen letztes Romanfragment "The Original of Laura" wie vom Vater verfügt unveröffentlicht verbrennen. Das bestätigte der in Montreux (Schweiz) lebende Dmitri Nabokov in einem Interview mit der Moskauer Tageszeitung "Iswestija" (Montags-Ausgabe).

"Ich habe noch keine endgültige Entscheidung getroffen und weiß nicht, ob die Sohnestreue siegen wird, oder ob dieses originelle und wunderbare, wenn auch unvollendete Kunstwerk leben wird", sagte der 71-jährige Sohn und Nachlassverwalter. "Aber jüngste Ereignisse bestärken mich eher in der Absicht, den Willen des Autors zu erfüllen und 'Laura' zu verbrennen".

Ärger über Fehldeutungen

Sein Ärger richtete sich vor allem gegen Deutungen, der vor 50 Jahren erschienene Nabokov-Welterfolg "Lolita" fuße auf biografischen Erfahrungen des Schriftstellers. "Lolita" handelt von der Liebe eines älteren Mannes zu einem minderjährigen Mädchen. Dmitri Nabokov äußerte sich nicht zu Recherchen des deutschen Autors Michael Maar, "Lolita" lehne sich an eine gleichnamige Erzählung des deutschen Journalisten Heinz von Lichberg von 1916 an.

Der in Russland geborene Vladimir Nabokov hatte Aufzeichnungen in seinem Tagebuch zufolge 1974 mit dem Roman "The Original of Laura" begonnen, ihn aber nicht vollendet. Er verfügte, das etwa 40 Seiten lange Fragment solle vernichtet werden. Doch bislang erfüllten weder seine Frau Vera (gestorben 1991) noch der Sohn dieses Vermächtnis.

Der Sohn Dmitri Nabokov kündigte die mögliche Verbrennung zuerst in einer Mail an die Zeitschrift "The New York Observer" an. Deren Autor Ron Rosenbaum appellierte öffentlich an den Sohn, das Manuskript zu erhalten. "Der Wille des Autors ist heilig, und an den Rechten des Erben ist nichts zu deuteln", sagte dagegen der russische Schriftsteller Andrej Bitow ("Das Puschkinhaus"). Vladimir Nabokov habe die Zerstörung des Werkes bewusst angeordnet. (APA/dpa)

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