Das Argument der Vollständigkeit

30. November 2005, 19:59
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Die Salzburger Festspiele und ihre Pläne fürs Mozartjahr

Salzburg - Üppigster Mozart-Konsum ist kommendes Jahr in Salzburg angesagt. Während sich andere, zur Geburtstagshommage antretende Mozartvermarkter gerade einmal mit den letzten fünf Bühnenwerken begnügen, servieren die Salzburger Festspiele den Gesamtblock von 22 vollendeten, fragmentarischen und zeitgenössisch ergänzten Bruchstücken.

Joachim Schlömer wird unter dem Titel "Irrfahrten" eine dreiteilige, dramaturgisch verflochtene Reiseroute von der frühen Mozart-Buffa bis zum Requiem konzipieren. Bei der Jahrespressekonferenz präludierten Zahlen und Daten ein saftiges Mozart-Delirium, denn Intendant Peter Ruzicka sprach vom "Jahr der Jahre" und kündigte zum Finale seiner Salzburger Tätigkeit und Mozart-Monsterplanung ein antikisch inspiriertes Symposion, eine Art "angemessenes" Kult-Betrinken und Speisegenuss zum Ausklang an.

Hartgesottene "Mozart-Junkies" können sich zum Abo-Preis bis 5.000 Euro den gesamten Amadeus hineinziehen, inklusive des von Präsidentin Rabl-Stadler angekündigten, den Traviata-Rummel toppenden Medienheulers Nozze di Figaro mit Anna Netrebko. Auch wurden 15 Kompositionsaufträge erteilt: Uraufführungen gibt es von Georges Aperghis, Brian Ferneyhough, Fabio Vacchi, Reinhard Fuchs, Gerd Kühr, Olga Neuwirth, Johannes Maria Staud und Herbert Willi, Hans-Jürgen von Bose, Sebastian Claren, Wolfgang Rihm, Karlheinz Stockhausen und Manfred Trojahn sowie Adriana Hölszky.

Aus Donald Kahns Sponsorhut gezogen wird eine Neudeutung der Zauberflöte mit Pierre Audi und der COBRA-Malerlegende Karel Appel. Alles bringt noch einmal Kasse bei der flächendeckenden DVD-Nachvermarktung.

Gegen so viel Mozart-Opulenz startet Schauspieldirektor Martin Kusej eine tragikomische Lach-Offensive unter dem Motto "Genug! Vom Glück des Diesseits". Die Hoffnung des Theatermachers auf eine "radikale Splittergruppe" außerhalb des Mozart-Lagers wird durch besondere, in Form und Inhalt für Salzburg neuwertige Formate genährt.

Dazu gehört eine Lesung des kultigen Max Goldt ebenso wie ein "Salon zur Erforschung der Grundlagen des Komischen". Dieses "Magazin des Glücks", in dem unter anderem Alexander Kluge und Michel Houellebecq variantenreich agieren, soll ein Magnet für Passanten sein.

Zwischen Komödiantischem von Grabbe, Moliere, Shakespeare und Josef Hader dürfte Nestroys Höllenangst das Theaterfiletstück werden. Ein Uraufführungsstück kommt von Barbara Weber. Das Problem des Eröffnungs-Festredners scheint durch eine Reihe von "Supervorträgen" elegant gelöst. (gugg/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.11.2005)

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