Jammern, dass es kalt ist

28. Juli 2006, 12:34
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Teneriffa, schön, aber zur falschen Zeit - Oder: Ein halbes Jahr Trübsinn ist doch kein Grund sich zu beklagen

+++PRO
Von Sigi Lützow

Schön war's auf Teneriffa, schön, aber nicht optimal. Gut, es war zwei Wochen heiß, das Meer war warm für Mitte Oktober. Hätte man nur nicht zu Hause angerufen, um - in der Linken den Roten, auf der Nase die Sonnenbrille - gute Ratschläge zu geben, wie man mit diesen widerlichen Herbsttagen mit Nieselregen und Temperaturen klar unter zehn Grad umgeht.

Und was sagten Sie, als man also so anrief und dachte, man sollte langsam aus der Sonne gehen? Sie schwärmten vom vielleicht schönsten Herbst der letzten Dekade, von wunderbar klaren Tagen, von lauschigen Abenden beim Heurigen, von . . .! Und man wusste schon, pünktlich mit der Rückkehr würde sich alles wieder eingerenkt haben, würde der Herbst wieder ein Herbst sein, wenn nicht gar ein Winter. Schade, dass du nicht da warst, würden Sie sagen. Ich habe für die Kanaren gebucht, würden Sie sagen, weil nach so einem Traumoktober der November aber nur so was von einem November werden kann. Und man selbst, man wird jammern, denn wenn man sich nur lange genug über die Kälte echauffiert, wird einem von innen her warm. Und man kann ja nie genug klagen.

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CONTRA---
Von Wolfgang Weisgram

Jetzt, da die Sonne angefangen hat, eine fahle Scheibe zu sein, kaum noch wahrnehmbar hinter dem zur Suppenkonsistenz gestockten Bodennebel, der einem den kurz gewordenen Tag genauso vermiest wie die Temperaturen, die Heizkosten und die Preise für ansprechende Anoraks, jetzt also, da der vermaledeite Winter mit seinen Schneefällen und Glatteisen, mit seinen nicht mehr auszuhaltenden Maronibratern und Christkindlmärkten, mit seinen nervtötenden Skiübertragungen und Lawinenkatastrophen über uns gekommen ist wie eine flächendeckende Steuererhöhung oder eine Debatte übers Bildungswesen, jetzt, da man auch die Arbeit zu fliehen sucht, weil ihre Verrichtung mit einem zumindest kurzfristigen Außenaufenthalt verbunden ist - etwas, das jeder fühlende Mensch meidet wie Wolfgang Schüssel den Wettbewerb um den Spruch der Woche -, jetzt, da uns also ein halbes Jahr Trübsinn bevorsteht, aus dem uns nichts wird befreien können, ein halbes Jahr der Kälte, des Nebels, der rinnenden Nase, der dicksten Pullover, der stets eingezogenen Schultern, jetzt sollten wir allmählich damit anfangen, über das Wetter nicht zu jammern. (Der Standard/rondo/24/11/2005)
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