"Workingman's Death": Arbeit und Ästhetizismus – eine Reizattacke

23. November 2005, 19:45
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"Workingman's Death" – die jüngste Dokumentation des österreichischen Filmemachers Michael Glawogger

Wien - Im ukrainischen Donbass kriechen die Kohlearbeiter durch die Stollen. Durchschnittlich 40 Zentimeter umfasst die Höhe der Grube, entsprechend schwerfällig bewegen sich die Körper fort.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind gering. Die Männer gehen ihrer Arbeit illegal nach; sie suchen einen Nebenverdienst, anders ließe sich hier, wo einst ein Zentrum der sowjetischen Schwerindustrie lag, mittlerweile kaum ein Überleben sichern.

Den Grubenarbeitern gilt das erste von "fünf Bildern zur Arbeit", die der heimische Filmemacher Michael Glawogger in seinem neuen Dokumentarfilm Workingman's Death zusammengestellt hat. In jeder dieser Episode ist die Kamera von Wolfgang Thaler vor allem an den körperlichen Aspekten der Tätigkeit interessiert. In Donbass begleitet sie die Männer in den Stollen und unterwirft sich dabei denselben prekären Bedingungen: Die Dunkelheit und Enge des Raumes sowie die Anstrengungen sucht sie zu vermitteln - ein Mitsein, das auch den Zuschauer affizieren soll.

Auf einer symbolischen Ebene setzt Glawogger diese Bilder mit solchen aus sowjetischen Zeiten (etwa aus Entuziazm: Sinfonia Donbassa, 1930, einer Ode an die Arbeit des Avantgardisten Dziga Vertov) in Beziehung: Wurde der Arbeiter in letzteren noch als Teil einer Maschine des Fortschritts begriffen und idealisiert, so ist er heute ein Subjekt, das über kein Klassenbewusstsein mehr verfügt. Wenn die Männer sich in den Heldenposen Vertovs versuchen, dann wirken ihre Haltungen so auch entsprechend leer und verbraucht.

Workingman's Death wird allerdings mitnichten zum Film über den Wandel der Ikonographie des Arbeiters. Wer Glawogger bisheriges dokumentarisches Schaffen kennt, weiß, dass es ihm weniger um die analytische Auseinandersetzung mit seinem Sujet als um eine ästhetische Aneignung geht: Wie schon in Megacities strebt er auch diesmal einen visuellen Mehrwert an, den er im exotischen Objekt vorfindet und, unter vollem Einsatz filmischer Mittel, möglichst sinnlich auf die Leinwand übertragen will. Damit setzt er sich ganz wissentlich auch dem Vorwurf des Ästhetizismus aus.

"Geister" lautet der Zwischentitel zum zweiten Teil, der zu Schwefelschleppern nach Indonesien führt, einem Schwerarbeitsplatz, dem man kaum noch mit westlich geprägten Begriffen fassen kann. Das Segment lässt Glawoggers Ansatz, der das Spektakel menschlicher Arbeitskraft zur audiovisuellen Attraktion verdichtet, schon deutlicher werden. Der Vulkan mit seinen blubbernden Ausflüssen bietet die imposante Kulisse für ein Schauspiel körperlicher Balanceakte. Mit dem Weltjazzsound eines John Zorn unterlegt wetzen die Arbeiter rhythmisch wie Nordic Walker den Berg hinunter.

Gänzlich ahistorisch mutet der nächste Schauplatz an, ein Schlachtplatz in Nigeria: Ein regelrecht höllisches Treiben herrscht hier, bei dem Tiere im Akkord getötet und geröstet werden. Wie in keinem anderen Teil des Films werfen die Steadycamfahrten durch das blutige Marktgeschehen die Frage auf, welcher Einsicht - abgesehen von der Überwältigung des Zuschauers - hier noch zugearbeitet wird: Dass diese Schlächter nur ihr eigenes ökonomisches Überleben sichern, ist so gewiss, wie es letztlich banal erscheinen muss.

Anders als bei den pakistanischen Werftarbeitern, die ausgediente Schiffe zerlegen und damit in eine Verwertungsschleife eingebunden sind, wird in der Afrikaepisode nur einmal mehr das Bild des archaischen Kontinents bemüht, der noch nicht einmal an industrielle Arbeitsformen Anschluss gefunden hat.

Arbeit verschwindet nicht, vielleicht aber wird sie unsichtbar, das argwöhnte Glawogger unlängst in der Zeit. Der dokumentarische Akt des Sichtbarmachens, der sich der Ideologie des Verschwindens widersetzt, kann damit nur ein politischer sein. Workingman's Death beschränkt sich jedoch auf eine visuelle Reizattacke, sein argumentativer Bogen bleibt mehr als uneindeutig. Am Ende kommt Glawogger wieder im Westen an und filmt vergnügte Teenager an Hochöfen in Duisburg, die als Themenpark genutzt werden. Was hier nicht mehr zu sehen ist, das hat er aber auch anderswo nicht gefunden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.11.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

Link

workingmansdeath.com

  • Artikelbild
    foto: filmladen
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