Adventus Präcox Illuminatus

22. November 2005, 19:13
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Meinem Nachbarn werde ich auch schon noch weihnachtlich heimleuchten

Es wird jetzt losgehen. Und ich werde nicht nachgeben. Auch wenn mir am Samstag dann doch ein bisserl anders geworden ist. Im Bauhaus. Aber W. werde ich zeigen, wo Gott wohnt. Im Wortsinn.

Es ist nämlich so, dass W. mittlerweile auch einen Balkon hat. Einen Stock unter uns kann der bisher so nette Regisseur und Kabarettist die Sonne genießen. Oder Wäsche trocknen. Oder groben Unfug treiben. Etwa indem er Weihnachtsbeleuchtung ans Geländer hängt. Und zwar Mitte November.

Weihnachtslamperln

Nicht, dass mich das stören würde. Aber es ist halt so, dass W. mit eine Idee bereits umgesetzt hatte, die ich einen Tag später erst formuliert hatte: Ob wir, eröffnete ich A., unseren Balkon nicht in ein kitschig-idiotisches Weihnachtswunderland verwandeln sollten. Mir wäre es ja egal – aber die Kinder der Nachbarin fänden das sicher putzig.

Ja, sagte A. (ohne zu wissen, was sie meinem Ego antat), etwas Ähnliches habe sie auch gedacht. Und zwar als sie gestern die Christbaumlichterkette an W.s Balkongeländer gesehen hätte. Ich solle ruhig zugeben, dass ich ein kindisch-kitschiges Naturell hätte – und mir die Nachbarskinder nur als Ausrede dienten.

Wettrüsten

Ich sagte A. nicht, wie sehr es mich traf, dass sie glaubte, ich bräuchte Nachbars Ideen um selbst kreativ zu werden. Aber W., beschloss ich, würde ich es heimzahlen. Diesem infamen Kerl würde ich – im Wortsinn – heimleuchten: Mehr Lichter, bunter und blinkend, würden an meinem Balkon baumeln. Und wo bei ihm ein paar Kerzeln matt und düster leuchten, würde ich Rentiere, Weihnachtsmänner und Schlitten, Christbäume, Sterne und – ja auch das – den Heiland funkeln lassen.

Als ich dann ins Bauhaus – stets eine gute Adresse für männliche Größenvergleiche – fahren wollte, traf ich W. auf der Stiege. Nicht einmal ich selbst hätte hinter meinem Lächeln abgrundtiefen Hass orten können. Ich gratulierte dem Weihnachtsschmuckvorprescher zu seiner popeligen Girlande. Und lobte seine, des Advent-Präcoxers, Mut zum Kitsch.

Tristessebekämpfung

W. war stolz. Ja, sagte er, auch er habe einen Sinn für Kitsch. Und habe sich darum gedacht, dass so ein Geländer im Winter ohne Lamperln zu trist sei. Darum habe er eine Lichtekette gekauft – aber leider sei da ein Segment kaputt. Ob ich wisse, wie man das repariere?

Ich klopfte dem Nachbarn, dem Hundling, auf die Schulter: Er solle sich keine Gedanken machen – ich würde ihm aus dem Bauhaus eine neue Lamperlschnur bringen. So teuer, meinte ich, werde das schon nicht sein.

Fiat Lux

Im Baumarkt fiel ich dann in Ohnmacht: W., der Schnorrer, hatte wirklich das Einfachtse vom Einfachen hängen. In Kisten und Regalen stapelten sich weihnachtliche Licht-Installationssysteme, die jeder Einkaufstraße zur Ehre gereicht hätten. Eines schlimmer als das andere. Mit pulsierendem, changierendem rotierenden und blinkenden Lichtern. Licht-Schneeflocken rieselten in Kakaden über glühbirnchenbesetzte Netze, die – was ihre Größe anging – auch als transatlantische Schleppnetze dienen hätten können. Sterne leuchteten – und Ochs, Esel, Maria und Josef sahen den Weisen beim Wandern (Schienen!!!) zu. Ein Weihnachtsmann konnte sogar Schnee – eher Nebel – ausblasen.

Die Preise der X-Mas-Lichtorgien waren auf dem Niveau von Disco-Lichteffekten – aber weil der Mundl vor mir seinen Wagen so voll räumte, als müsse er die Mariahilfer Straße beleuchten, griff auch ich in die Vollen: Weihnachtsgeschenke werden sich heuer halt nicht mehr ausgehen.

Überlast-Illumination

Zu Hause weinte ich dann: Beim ersten Testlauf – noch in der Wohnung, W. sollte erst in der Nacht unter meinen gleissenden Illuminaten erblassen – schoss ich alle Sicherungen. Sogar als ich Waschmaschine und Geschirrspüler vom Netz nahm und meine Lichtspiele auf mehrere Stromkreise aufteilte. A. schlug – ahnungslos, worum es ging - vor, doch bei W. anzuklopfen: Da er auch Weihnachtslichter am Balkon habe, könnten wir doch sicher gemeinsam ... Ich schickte sie ins Kino.

Jetzt habe ich mich aber mit mir auf ein paar Kern-Effekte geeinigt. W. wird heute Nacht sein erstes blaues Weihnachtsleuchtwunder erleben: Der grässliche Weihnachtsmann, der eigentlich nur an der Aussenseite meines Balkons klettern sollte, wird die ganze Nacht auf und ab sausen. Und zwar vor W.s Küchenfenster. Und nächste Woche lasse ich ihm den Stern von Bethlehem vor dem vorhanglosen Schlafzimmerfenster erleuchten und kreisen. Jeden Sonntag werden noch mehr und noch hellere Funken aus dem Stern stieben.

Das wird W. eine Lehre sein. Er wird seinen Augen nicht trauen. Und staunen. Wie ein Kind im Advent. Das ist eben die schönste Zeit im Jahr. Ich freue mich schon richtig darauf – obwohl ich mir aus Weihnachten eigentlich nicht viel mache.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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