Neue Fliesen legen

20. Dezember 2005, 10:19
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Spätestens mit der Weltausstellung 1998 gelang es Lissabon, den Grundstein für ein Stadtbild zu legen, das über ein museal-koloniales Erbe hinausgeht

Die Einwohner Lissabons weichen mittlerweile gerne in die melancholiefreie Zone im Osten, den "Parque das Na¸coes" auf dem ehemaligen Gelände der Expo aus.

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Den Kopf kann man schon einmal hängen lassen, und in Lissabon leichter als in einer anderen Stadt. Das hat nun nicht unbedingt mit Traurigkeit zu tun. Nein, man ist es doch allein schon den Calceiteros schuldig, Portugals genialen Steinsetzern, die die Stadt der sieben Hügel seit anderthalb Jahrhunderten als Europas schönstes Puzzle interpretieren. Die in dreidimensionaler Optik ausgeführten Wellen am Rossio-Platz, über die die Passanten mehr schlingern denn gehen, markieren da bestenfalls einen Beginn.

Denn die fantasievollen Kalk- und Basalt-Pixelbilder der anonymen Calceiteros fallen wie Traumgespinste über Spaziergänger auch in nüchternem Zustand her. Schiffe und Elefanten schippern und trampeln die Gehsteige entlang. Und an der Pra¸ca do Comércio treibt gar ein Meeresungeheuer durch die Stadt. Doch damit nicht genug.

Hebt man den Kopf an der richtigen Stelle, etwa im Altstadtviertel Alfama, haben sich die Steine zum Fliesen-Comic verwandelt - sofern man die blau bemalten Azulejos so bezeichnen mag. Die abstrakten Muster der arabischen "al zulaique" - der "polierten Steine" - machten im Zentrum eines ehemaligen Weltreiches bald schon den Motiven der Entdecker Platz.

Wunderbar altmodisch wirkt die Stadt am Tejo bis heute, ein beruhigend großmütterlicher Zipfel am äußersten Rande Europas. Klar, dass sich neben Lissabons vielen grau melierten, fischgrät-betuchten Herren auch Generationen von Touristen allzu gerne daran festklammern. Nostalgisch stimmende Haltegriffe gibt es dafür ja viele:1902 erhielt Lissabon seine erste Straßenbahn, die im Falle der Linie 28 noch immer steile, und vor allem atemberaubend enge Altstadtgässchen entlangzuckelt.

Das alte Lissabon kann noch mehr: Verschnörkelte Bahnhöfe wie jener am Rossio-Platz erinnern an Spielburgen. In den Bars zischen Espressomaschinen den ölig-schwarzen Bica (Kaffee) in die Tässchen, im Idealfall von Pastéis de nata flankiert, den Wunderwerken aus Vanillepudding, Zimt und Blätterteig.

Und im noch "idealeren Idealfall" duften Bica & Pastéis de nata in Bars wie der "Pastelaria Ci-Ci" in die engen Gassen des Gra¸ca-Viertels hinaus. Hier hat die Linie 28 fast Endstation, und die Tram sammelt ihre Fahrgäste direkt am Tresen ein. "Wer will noch mitfahren?" ruft der Fahrer durch die offene Tür des "Ci-Ci" hinein, freilich ohne dabei seine Stimme zu erheben.

Weltschmerzmittel

Die Stadt der Träumer wurde Lissabon genannt, und in ihrem melancholischem Lied, dem Fado, stehen Zeilen wie "dem Schmerz zum Trinken geben". Doch plötzlich ist sie auch hellwach. Keine Boomtown wie Barcelona, aber neue Mosaikteile, gut ins Stadtbild eingefügt - so viel Aufregung leistete man sich allemal. Ende der Achtziger konnte man es noch einem Unglück in die Schuhe schieben, dass sich Lissabon von der Fixierung auf die letzten kolonialen Brösel löste. Das Unglück war ein Großbrand im Chiado-Viertel, das dem Stararchitekten Álvaro Siza Vieira zu noch mehr Ruhm verhalf und Lissabon zu einem Facelifting.

Ein knappes Jahrzehnt später entstand im Osten und im Gefolge der Expo gar eine neue Stadt. Palmen aus Stahl tragen seither am ehemaligen Weltausstellungsgelände und nach Plänen des Spaniers Santiago Calatrava das Dach des Bahnhofs Esta¸cao do Oriente. So wurde Lissabon zuletzt auch ein wenig zur Lifestyle-Kolonie jener Gastro-Conquistadores, die auf der Suche nach neuen urbanen Ufern den rostigen Charme industriell geprägter Vororte ausschlachten. Fündig wurden sie im Hafengebiet, zwischen den Kränen und alten Lagerhallen der "docas", gleich neben Europas längster Brücke, des 17 km langen Ponte Vasco da Gama, einem weiteren Erbe der Expo.

Südamerika futsch, Goa futsch, Macao futsch. All das spielt hier keinerlei Rolle. Denn so entdeckte Lissabon plötzlich den neuen, alten Riesenkontinent Tristesse. Dafür garantieren die im trendigen Milieu entstandenen Szenemenschen-Clubs, der Glaskubus des "OpArt" ebenso wie das "Lux". Rote Lackledersofas, auf denen auch Mauerblümchen wie Diven aussehen, dazu die wahre Nahrung aller Hyperaktiven, nämlich Stroboskoplichter - so sehen die Zeremonienstätten einer noch jungen stylischen City aus. Doch wer weiß: Vielleicht entsteht hier, am alten Ufer, eine neue, aufgeputschte Variante von Lissabons Fado: noch trauriger, aber auch schneller und kalt.
(Robert Haidinger/Der Standard, Printausgabe 19./20.11.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Ruinen von Lissabons Kirche Convento do Carmo

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