"Taliban-Ideologie ist bezwungen"

9. Februar 2007, 19:37
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Der afghanische Präsident Hamid Karsai erläutert im STANDARD-Interview Wiederaufbau und Terrorbekämpfung in seinem Land

STANDARD: Standard: Der politische Prozess, der Aufbau der Institutionen in Afghanistan ist weit fortgeschritten, eigentlich abgeschlossen: Zuletzt wurde auch das Parlament gewählt - ein etwas ungewöhnliches Parlament mit Abgeordneten, die nicht für Parteien oder Listen antreten durften.

Karsai: Aber es gibt Parteien! Und die Parteien haben Mitglieder im Parlament, die an den Wahlen teilgenommen haben. Aber das Parlament in Afghanistan ist eben eines, das die Realität des Landes wiedergibt. In dem Maße, in dem sich Afghanistan in Richtung organisierter Strukturen entwickelt, Übernahme von Verantwortung, institutioneller Stärke, wird das afghanische Parlament mitwachsen.

STANDARD: Aber warum war es Parteien nicht erlaubt, bei den Parlamentswahlen mit Listen zu kandidieren? Warum mussten Mandatsbewerber als Einzelpersonen antreten?

Karsai: Nein, sie konnten als Parteien kandidieren und als Einzelpersonen. Wir hatten viele Diskussionen über das Wahlrecht. Unser Volk wollte für seine Kandidaten stimmen, für die, mit denen es sich identifizieren kann. "Das ist mein Kandidat, und ich habe ihn oder sie als meinen Parlamentsabgeordneten." Die Menschen hätten es nicht verstanden, für eine politische Partei zu stimmen, und dann entsendet diese Partei ein Parlamentsmitglied.

Ich glaube, das hat recht gut funktioniert. Jeder hat für seine Repräsentanten gestimmt. Vor allem Frauen haben sehr gut abgeschnitten. Sie erreichten mehr als die vorhergesagten 25 Prozent. Und einige der Frauen waren die stimmenstärksten Kandidaten in ihren Provinzen. In Herat zum Beispiel, in Jalalabad und anderswo ging der Sitz Nummer zwei an eine Frau. Das war das große Plus für die Leute, direkt für ihre Kandidaten stimmen zu können.

STANDARD: Ist es nicht sehr kompliziert für die Regierung, in einem solchen Parlament stabile Mehrheiten zu finden?

Karsai: Das Parlament wird mit uns arbeiten. Bei einigen Themen wird es sehr kooperativ sein, bei anderen wird es sich zurückhalten. Das entscheidet sich von Fall zu Fall. Ich habe da keine Sorgen.

STANDARD: Wie sehen Sie die Sicherheitslage in Ihrem Land? Sie hat sich im vergangenen Jahr verschlechtert.

Karsai: Sie ist überhaupt nicht ideal. Wir hätten gerne viel mehr Sicherheit, viel mehr Stabilität. Es tut uns sehr weh mitanzuschauen, dass die Afghanen so leiden, wie sie derzeit leiden. Das ist zu viel. Aber wir müssen realistisch sein. Es wird noch viele Jahre dauern, bis wir Sicherheit erreichen.

STANDARD: Es war auch kein einfaches Jahr für die amerikanischen Truppen. Sie hatten die schwersten Verluste seit dem Sturz der Taliban 2001.

Karsai: Es war überhaupt kein einfaches Jahr. Wir müssen nachdenken, wie das kam, welche Ursachen diese Angriffe hatten.

STANDARD: Sie haben einmal sehr starke Worte gebraucht: Man müsse die "geografischen Wurzeln" dieses Sicherheitsproblems finden.

Karsai: Genau. Das meine ich noch immer.

STANDARD: Sie haben sich bei Ihrer Aussage auf Ihren Nachbarn Pakistan bezogen?

Karsai: Nein, ich habe mich auf niemanden bezogen. Was ich wollte, war, dass man über die taktische Suche nach Terroristen in Häusern und Dörfern hinausgeht. Dorthin muss man gehen, wo die Terroristen trainiert, wo sie ausgerüstet werden, wo sie ihre Ressourcen haben - wo immer das ist. Ob das nun in Afghanistan ist oder in einem anderen Land. Wir müssen an die Quellen gehen und herausfinden, wo die Terroristen trainiert werden, wo sie ihre Ressourcen haben. Es muss ein strategischer Kampf sein, nicht ein taktischer. In einem strategischen Kampf geht man an die Grundlage der Situation und filtert sie dort heraus.

STANDARD: Ist denn die Zusammenarbeit etwa mit Pakistan auf dem Gebiet der Sicherheit gut genug?

Karsai: In den vergangenen Monaten war sie sehr gut. Die Pakistani mussten sehr viel Leid erdulden, so viel, wie wir erduldet haben.

STANDARD: Wie werden Sie die Ideologie der Taliban los? Die Taliban haben sich nach der Befreiung Afghanistans nicht einfach in Luft aufgelöst.

Karsai: Ich denke, diese Ideologie ist bezwungen. Absolut.

STANDARD: Aber die Traditionen - und die Probleme -, die diese Ideologie begünstigen, bestehen doch weiter. Besteht nicht die Gefahr, dass sich die Menschen, die mit dem politischen Prozess nicht zufrieden sind, ihnen wieder zuwenden?

Karsai: Nein, nein.

STANDARD: ... oder angesichts der wirtschaftlichen Lage?

Karsai: Nein, nein, den Afghanen geht es doch jetzt viel besser als während der Taliban- Herrschaft. Viel besser. Das ist vorbei. Die Leute wollen, dass ihre Kinder eine Schulbildung erhalten, sie wollen Straßen, Elektrizität, Spitäler. Die Leute wollen Teil der Welt sein. Sie genießen es wirklich, ^Afghanistan wieder auf der internationalen Bühne zu sehen. Nein, die Taliban und ihre Ideologie, das ist komplett vorbei, ohne Zweifel. (DER STANDARD, Print, 17.11.2005)

Mit Karsai sprach Gudrun Harrer zum Abschluss der Wiener Islamkonferenz.

Zur Person

Hamid Karsai (48) ist seit 2002 afghanischer Präsident, zuerst von der Loya Jirga, der "Großen Versammlung", nach dem Sturz der Taliban zum Staatschef bestimmt, im Oktober 2004 dann in ersten freien Präsidentschafts- wahlen von den Afghanen gewählt.

Der adlige Paschtune, der wie zuvor sein Vater einen Clan anführt - die Popalsai -, ist in Kandahar im Süden Afghanistans geboren, lebte aber längere Zeit in den USA und ist auch Washingtons Mann in Kabul. Seine Unversehrtheit im Präsidentenpalast garantieren amerikanische Sicherheitsbeamte. Karsai spricht sechs Sprachen und gilt als einer der bestgekleideten Politiker. Seine Frau Zinat, mit der er keine Kinder hat, ist Ärztin.

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    foto: standard/matthias cremer
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