"Cache": Die Angst und das schlechte Gewissen

15. November 2005, 18:49
15 Postings

"Caché" von Michael Haneke konfrontiert eine Familie mit einem anonymen Bedroher - der Regisseur im STANDARD-Interview

STANDARD: "Caché" verhandelt unter anderem die latente Gewalt in der Beziehung der Franzosen zu Einwanderern. Sind Sie überrascht, wenn Sie nun Vororte in Flammen sehen?

Michael Haneke: Man musste kein Prophet sein, um diese Unruhen vorherzusehen. Wenn man sich La haine von Mathieu Kassovitz ansieht, und der Film ist zehn Jahre alt, dann hat man praktisch die idente Geschichte vor sich. Schon dieser Film basierte auf einem Ereignis, das kurz davor in der Banlieue passiert ist.

Ich fühle mich allerdings immer ein wenig unbehaglich, wenn ich im Ausland zu diesem Thema befragt werde. In Frankreich sage ich meine Meinung, obwohl es eigentlich nicht meine Aufgabe ist, zu tagespolitischen Fragen Stellung zu nehmen. Noch unangenehmer empfinde ich diese Frage im Ausland, auch weil ich den Film nicht als solchen verstanden wissen will, der ein urfranzösisches Problem behandelt.

STANDARD: Ihre Filme haben aber stets auch Gewaltmechanismen thematisiert: Sehen Sie in der gegenwärtigen Revolte keine spezifische Qualität?

Haneke: Für mich ist daran nichts wirklich neu. Die gleichen Bilder und die gleiche Presseaufregung gab es doch schon vor etlichen Jahren - und die werden wir bald wieder haben, weil es um ein komplett ungelöstes Problem geht, das vor sich hin köchelt. Die Politiker drücken sich darum herum, weil sie auch nicht wissen, wie sie es lösen sollen.

Ich bin immer verblüfft, wenn solche Probleme aufs Neue entdeckt werden. Ich war schon verblüfft, als alle gesagt haben, nach dem 11. September ist die Welt anders. Das müssen doch sehr naive Leute sein, die das so sehen! Für mich war die Welt davor ganz ähnlich. Bei den Unruhen ist es dasselbe: Es handelt sich um ein Urerbe des Kolonialismus, an dessen Folgen diese Nationen laborieren. Und dafür gibt es auch keine Einzellösung.

STANDARD: Aber die Befindlichkeit der Menschen und die Sicherheitsmaßnahmen der Staaten haben sich geändert.

Haneke: Ja, und das geht natürlich genau in die falsche Richtung. Anstatt das Problem anzugehen, stellt man sich die Frage, wie man das Problem am besten abwehren soll, damit man nicht damit konfrontiert wird. Was wiederum immer mehr zum Versuch eines totalitären Staats führt.

STANDARD: In "Caché" geht es auch um eine Bedrohung von außen: Eine Familie wird von einem anonymen Beobachter verfolgt. Der Film beschreibt damit eine Dynamik der Angst, die sehr zeitgemäß ist.

Haneke: Das ist im Prinzip ein klassisches Thrillerschema. Es gibt eine Zelle, dann kommt ein Brief, eine Kassette oder gar eine Schachtel, in der ein Kopf ist, an, und die Post geht ab. In der Folge erfährt man viel vom Innenleben dieser Zelle. Thriller arbeiten stets mit der Angst. Ich habe dieses Schema genutzt, um vor allem eine Frage zu stellen: Wie gehen wir mit unserem schlechten Gewissen um?

"Was tut man nicht alles, um nichts verlieren", sagt Majid an einer entscheidenden Stelle des Films zu George, der ihn für den Bedroher hält. Wie verhält man sich also, wenn man mit etwas konfrontiert ist, wofür man sich eigentlich verantwortlich zeigen müsste? Mir geht es um diese Strategien, sich von Schuld freizureden. Wir alle empfinden uns etwa als wahnsinnig liberal. Wir sind dafür, dass die Ausländergesetze nicht verschärft werden. Aber wenn jemand zu mir kommt und mich fragt, ob ich eine fremde Familie aufnehmen, sage auch ich: eigentlich nicht. Das Hemd ist einem näher als der Rock. So feig und so bequem wie ich sind die meisten Leute.

STANDARD: "Caché" erweitert also insofern die Thrillerformel, als die Bedrohung die eigene Schuld wachruft?

Haneke: Ja, ich glaube einfach, dass man so funktioniert. Es gibt so eine Art emotionales Gedächtnis für schlechte Taten. Wenn dann durch einen Zufall eine Proust'sche Madeleine auftaucht, dann kommt das wieder hoch. Im Übrigen kann ich ja nicht so tun, als würde ich nicht aus dieser jüdisch-christlichen Tradition kommen. Das Thema Schuld liegt in diesen Breitengraden in der Luft. Deswegen turne ich ja immer um dieses Thema herum: Eine der Ausgangsideen für den Film war, jemanden mit etwas zu konfrontieren, das er als Kind verursacht hat. In solchen Fällen ist es besonders bequem, sich herauszureden. Schuld ist eine komplizierte Angelegenheit - und wir haben diverse Verdrängungsstrategien, mit schlechtem Gewissen umzugehen. Eine ungute Situation, die mich sehr interessiert.

STANDARD: Über die individuelle Schuld hinaus geht es in "Caché" auch um kollektive Schuld, um das politisch Unbewusste des Algerienkriegs.

Haneke: Das erste Thema dieses Films ist zwar nicht Algerien. Aber die Frage, wo private in kollektive Schuld übergeht, fand ich spannend. Solche schwarzen Flecken gibt es in jedem Land, in Österreich könnte man sagen, es gibt genug braune.

In Paris habe ich an einem Gespräch teilgenommen, bei dem auch ein Spezialist für Algerienfragen dabei war. Er hat gemeint, der Film schaffe einen Ausdruck dafür, dass das Leiden des algerischen Volkes nie anerkannt worden ist. An das habe ich beim Schreiben des Films gar nicht gedacht . . . Auf die Geschichte von Majid bin ich über eine TV-Dokumentation gekommen. Da wurde dieses Ereignis von 1961 in Paris erwähnt, bei dem 200 algerische Demonstranten von der Polizei niedergeprügelt und die Leichen in die Seine geschmissen wurden. Niemand hat darüber geschrieben, obwohl Frankreich eine liberale Presse hat. Das ist ein Phänomen, das ich bis heute nicht verstehe.

STANDARD: Die Videoaufnahmen und Filmbilder gehen im Film oft nahtlos ineinander über. Was bezwecken Sie mit dieser Irritation?

Haneke: Ich versuche in jedem Film, das Misstrauen in unsere Realitätsgläubigkeit zu schüren. Es geht mir vor allem darum, den Zuschauer darauf hinzuweisen, dass er nur mit einem Artefakt konfrontiert ist. Ich fordere ihn auf, selber nachzudenken - wie in Funny Games, in dem er direkt anvisiert wird. Das ist für mich eine Grundbedingung, um ernsthaft mit dem Zuschauer umzugehen. Ich möchte ihm das, was er sieht, durchschaubar machen.

STANDARD: Im Unterschied zu "Funny Games" unterziehen sie ihn aber keinem emotionalen Wechselbad. George wird zum distanzierten Studienobjekt - man fragt sich, wie er mit der Bedrohung umgeht.

Haneke: Das auch . . . Aber als Zuschauer wird man selbst permanent verunsichert. Das statische Anfangsbild vom Haus verblüfft ja zuerst einmal. Daraus wird ein Misstrauen, weil es eine ganze Reihe von Szenen gibt, bei denen man sich fragt, ob das jetzt wieder ein Videobild ist. Diese Form von Misstrauen, die in den Bildern entsteht, finde ich gut. Das sollte das Kino mehr pflegen.

STANDARD: Ist das ein Misstrauen gegenüber bestimmten Bildern: Leistet das Filmbild nicht mehr als das protokollierende Videobild, in dem es auch Einsichten liefert?

Haneke: Nein, gegenüber jedem Bild, weil jedes manipulativ ist. Von der Bildästhetik sind sich Video und Film ähnlich, das würde ich nicht überbewerten. Ich würde da nicht zwei Bilder gegeneinander ausspielen. Ich habe versucht, so viele Ähnlichkeiten wie möglich zu schaffen, um zu dieser Ununterscheidbarkeit zu kommen. Selbst die Szenen zwischen Majid und George, die es in zwei Varianten gibt, sind fast identisch. Eine davon ist allerdings leicht gekippt, damit sie näher an einer Überwachungskameraperspektive dran ist. Wir haben die Szene mit drei Kameras gedreht, was schwierig war, weil man zwei Kameras jeweils vor der dritten verstecken musste. Alles nur, um diese Irritation zu schüren.

STANDARD: Es heißt, Sie haben bereits Angebote für ein Remake aus Hollywood?

Haneke: Wir haben vier Angebote, aber ich sehe das recht gelassen. Wir verhandeln seit drei Jahren über ein Remake von Funny Games, jetzt ist der Vertrag endlich fertig. Es steht noch offen, ob ich ihn selbst drehen werde oder jemand anderer. Das darf ich mir noch aussuchen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 11. 2005)

"Caché" läuft ab dieser Woche im Kino

Das Interview führte Dominik Kamalzadeh

Zur Person

Michael Haneke, 1942 in München geboren, inszenierte zuerst TV-Filme (etwa "Lemminge" oder "Wer war Edgar Allan?"), bis 1988 sein Kinodebüt "Der siebente Kontinent" international Aufsehen erregte. Vervollständigt wurde seine kontroversiell diskutierte Film-"Trilogie sozialer Vergletscherung" mit "Bennys Video" (1992) und "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls" (1994).

Seine erste französisch- österreichische Koproduktion war "Code inconnu" (2000), für die zweite, die Elfriede-Jelinek- Adaption "Die Klavierspielerin"
(2001) erhielt Michael Haneke den Großen Preis der Jury der Filmfestspiele in Cannes. Sein jüngster Film "Caché" wurde heuer an der Croisette mit der Palme für die beste Regie bedacht. Derzeit ist er im Rennen um den Europäischen Filmpreis gleich in sieben Kategorien nominiert - darunter als Bester Film.

Im Jänner des kommenden Jahres wird Michael Haneke in Pariser Palais Garnier Mozarts Oper Don Giovanni inszenieren. Derzeit gibt es vonseiten diverser US-Studios großes Interesse, Remakes seiner Filme (darunter des Thrillers "Funny Games") zu produzieren.
  • "Der Thriller arbeitet mit der Angst. Ich habe dieses Schema genutzt, um vor allem eine Frage zu stellen: Wie gehen wir mit unserem schlechten Gewissen um?" Walif Afki (li.) und Daniel Auteuil in Michael Hanekes Spielfilm "Caché"
    foto: filmladen

    "Der Thriller arbeitet mit der Angst. Ich habe dieses Schema genutzt, um vor allem eine Frage zu stellen: Wie gehen wir mit unserem schlechten Gewissen um?" Walif Afki (li.) und Daniel Auteuil in Michael Hanekes Spielfilm "Caché"

Share if you care.