Chirac kündigt freiwilligen Zivildienst an

21. November 2005, 14:38
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50.000 Jugendlichen aus Problemvierteln solle damit geholfen werden - Sozialisten gegen Verlängerung des Ausnahmezustands

Paris - Mit einem freiwilligen "Bürgerdienst" bzw. "Zivildienst" will die französische Regierung Jugendlichen aus Problemvierteln eine neue Perspektive geben. Bis Ende 2006 sollen davon 30.000 junge Menschen profitieren, im Wahljahr 2007 dann 50.000. Die Initiative soll nicht nur auf Jobs vorbereiten, sondern laut Präsidialamt auch die "soziale Durchmischung und die Bindungen zwischen Generationen" stärken. Dabei stützt sich der "Bürgerdienst" neben dem Einsatz bei Sozialdiensten zu weiten Teilen auf bestehende Projekte des Militärs und der Polizei:

Militär: Das auf ein bis zwei Jahre ausgelegte Programm "Defense deuxieme chance" (etwa: "Zweite Chance Verteidigung") startete im Sommer. Es soll Schulabbrechern helfen, mit militärischem Drill einen Basisabschluss zu erlangen. Die Ausbildner sind ehemalige Soldaten und Gendarmen.

Nach einem Jahr sollen die Schüler auf Lehren im Hotelfach, als Restaurantbedienung, am Bau und als Lkw-Fahrer vorbereitet werden. Auch für einen Eintritt in die Streitkräfte wird geworben. Die Auszubildenden leben in Internaten, die meist in Kasernen liegen. Pro Monat erhalten sie 300 Euro, Kost und Logis sind frei. 2006 sollen 10.000 Jugendliche an dem Programm teilnehmen, 2007 dann 20.000.

Polizei: Das Programm "Kadetten der Republik" stammt aus dem Jahr 2004, als Regierungschef Dominique de Villepin noch Innenminister war. Jugendliche sollen die Polizei besser kennenlernen, gleichzeitig soll deren Rekrutierung auf eine breitere Basis gestellt werden.

Praktika bei mehreren Dienststellen bereiten auf einen Einstieg in den Polizeidienst vor. Ein Schulabschluss ist nicht notwendig. In der Anfangsphase wird die Hälfte des Mindestlohns gezahlt. Im laufenden Ausbildungsjahr nehmen rund tausend Schüler teil, 2007 sollen es 5.000 sein.

Befristete Jobs: Der gleichfalls schon existierende "Vertrag über die Begleitung zur Beschäftigung" bringt für bis zu zwei Jahre Jobs im Gesundheits- und Umweltwesen sowie bei kulturellen Einrichtungen. Zuständig für die Vergabe ist die nationale Arbeitsagentur ANPE. 2007 sollen rund 15.000 solcher Jobs vergeben sein. Gezahlt wird der Mindestlohn.

Nachbarschaftsvolontariate sollen im direkten Umfeld der Jugendlichen eine Beschäftigung zum Wohle der Allgemeinheit ermöglichen. Darunter fallen etwa bezahlte Volontariate in Kommunen, bei Sozialorganisationen und kulturellen Einrichtungen. Ein Schulabschluss ist nicht nötig. Für sechs- bis neunmonatige Volontariate gibt es rund 570 Euro. Ziel der Regierung sind 10.000 solcher Stellen im Jahr 2007.

Gegen die Regierungsvorlage

Wie der sozialistische Abgeordnete und Ex-Minister Jean Glavany nach einer Sitzung seiner Fraktion am Dienstag in Paris sagte, will "eine sehr große Mehrheit" der PS-Abgeordneten in der Nationalversammlung gegen die Regierungsvorlage stimmen. Im Senat wollen sich die Sozialisten geschlossen gegen die Verlängerung aussprechen. Die Abstimmung in der Nationalversammlung war für den Dienstagabend geplant, am Mittwoch sollte die Vorlage dann in den Senat. Die bürgerliche Regierung kann den Entwurf aber mit ihrer eigenen Mehrheit in Kraft setzen.

19. Unruhenacht

Die Krawalle in Frankreich haben in der Nacht auf Dienstag an Intensivität verloren. In der 19. Unruhenacht wurden landesweit noch 215 Autos angezündet, wie die Polizei am Vormittag mitteilte. 71 Menschen wurden festgenommen. Am Vortag hatte die Polizei noch 284 in Brand gesetzte Fahrzeuge und 115 Festnahmen gemeldet.

Villepin in Aulnay-sous-Bois

In Aulnay-sous-Bois nordöstlich der Hauptstadt traf sich Premier Villepin am Dienstag mit Bewohnern, Lehrern und Vertretern der örtlichen Wirtschaft. Es war sein erster Besuch in einem Gebiet, das von den Unruhen erfasst wurde. Die Krawalle haben am 27. Oktober nach dem Tod zweier Jugendlicher begonnen, die sich von der Polizei verfolgt glaubten. "Während unseres Treffens heute morgen habe ich viele Leute gehört, die wirklich Fortschritte machen, vorankommen, ihre Projekte verwirklichen, einen Arbeitsplatz finden wollen. Ihnen sollte geholfen werden", sagte Villepin. "Natürlich müssen wir etwas gegen das Gefühl der Ungerechtigkeit und gegen Diskriminierung unternehmen. Das ist ein täglicher Kampf, der uns alle mobilisieren sollte, jeden Franzosen und jede Französin." Villepin bekräftigte aber erneut, dass die Regierung zugleich konsequent gegen Gesetzesbrecher vorgehen werde. (APA/AP/dpa)

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    Chirac fordert Sinnsuche: "Wir bauen nichts Nachhaltiges auf ohne Respekt"

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