Nationalismus und die getrübte Selbstkritik

23. November 2005, 17:11
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Der Publizist Lieven untersucht widersprüchliche Komponenten des US-Nationalismus

Wien – Früher einmal, in den 50er- und 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, da pflegten die Amerikaner einen viel schärferen Blick auf die Gefahren ihres eigenen Nationalismus. Wissenschafter wie Gunnar Myrdal oder Richard Hofstatter oder gar ein Senator wie William Fulbright setzten sich in ihren Publikationen mit den Schattenseiten Amerikas auseinander und zettelten intensive Debatten darüber an. Heute sei dieser selbstkritische Blick getrübt und eine Nationalismusdebatte finde nicht mehr statt.

Das sei mit Grund dafür, warum die US-Politik derzeit so aussieht, wie sie eben aussieht, meint der britische Politologe Anatol Lieven im Gespräch mit dem Standard. Lieven, früher Asienkorrespondent der Times, arbeitet heute an der "New America Foundation", einem der interessantesten jungen Thinktanks in Washington D.C., der von dissidenten Republikanern gegründet wurde, denen das ideologische Abdriften der Partei nach rechts Sorge bereitet hat.

Lieven, der Montag auf Einladung des Renner- Instituts in Wien referierte, hat sich 2004 in seinem Buch "America, Right or Wrong" mit den speziellen Erscheinungsformen des US-Nationalismus auseinander gesetzt. Er unterscheidet dabei zwischen einer "liberalen" oder "zivilen" Komponente dieses Nationalismus, und einer "Rechten", die vor allem auf dem Boden der Südstaaten gewachsen sei. Auf der einen Seite werden Werte wie individuelle Verantwortung, Freiheit und Recht hochgehalten, doch dieser anziehendere Bestandteil gehe oft auch eine Verbindung mit Unverständnis oder gar Verachtung fremder Denkweisen, Länder und Kulturen ein.

Kombination aus Idealismus und Ignoranz

Dies sei nichts Neues, meint Lieven: Auch die Südstaatler hätten es nicht paradox gefunden, wenn sie die Freiheit hochhielten, aber den Schwarzen das Recht auf eben diese Freiheit absprachen. Diese Kombination aus Idealismus und Ignoranz habe die Amerikaner schon im Vietnamkrieg blind dafür gemacht, dass sich ohne Kenntnis eines fremden Landes die eigenen Werte nicht ohne Weiteres dorthin exportieren lassen. Es sei erstaunlich, meint Lieven, dass die Amerikaner nun im Irak wieder exakt in dieselbe Falle getappt sei. Erklären lasse sich dies wohl nur dadurch, dass Ronald Reagan die schmerzlichen Erinnerungen an den Vietnamkrieg ins kollektive Unbewusste abgedrängt habe.

Trotzdem, meint Lieven, könnten die Europäer von den Amerikanern vieles lernen: Die Integrationskraft ihres Verfassungspatriotismus etwa, aber auch die Bereitschaft, sich für die eigenen Werte einzusetzen – eine Bereitschaft, die Europa vor allem bei den Balkankriegen in den 90er- Jahren habe vermissen lassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2005)

Von Christoph Winder

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New America Foundation

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