Soziale Schicht als Haupthürde für Migrantenkinder

13. November 2005, 16:20
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Nicht die ethnische Herkunft, sondern die soziale Schichtzugehörigkeit benachteiligt im Schulsystem

Was in den 70er-Jahren das "katholische Arbeitermädchen vom Land" war, das die Hauptrolle als Benachteiligte des österreichischen Schulsystems in bildungspolitischen Debatten spielte, müssten heute "die aus der Arbeiterschicht stammenden Jugendlichen türkischer bzw. ex-jugoslawischer Herkunft" sein, meint Soziologin Anne Unterwurzacher von der Uni Wien. Sie ist Autorin einer noch unveröffentlichten Studie über den "Bildungs(miss)erfolg von Jugendlichen der zweiten Migrantengeneration".

Die wichtigsten Ergebnisse: Kinder aus Migrantenfamilien erzielen eindeutig schlechtere Bildungsqualifikationen als gleichaltrige österreichische Jugendliche. Aus der österreichweiten Studie geht hervor, fast die Hälfte der Jugendlichen der zweiten Einwanderergeneration hat nur die Pflichtschule absolviert (23,4 % Österreicher). Berufsschule (also Lehre) haben 29,6 Prozent Migrantenkinder, aber 40,9 Prozent österreichische. AHS oder BHS machen dreimal so viele Österreicher wie Migranten (20,9 % zu 7,7 %), Uni- oder Pädak-Abschluss haben nur zwei Prozent Migrantenkinder und 4,3 Prozent Österreicher.

Auf den Punkt gebracht heißt das: "Jugendliche der zweiten Generation sind benachteiligt", sagt Unterwurzacher im Gespräch mit dem STANDARD. Diese Benachteiligung bleibt sogar dann auffällig, wenn es sich um Kinder aus so genannten "kulturell-assimilativen", also sozial integrierten oder anpassungsbereiten Ausländerfamilien handelt, erklärt die Bildungsforscherin. Es müssen also andere Strukturen als vermeintliche "kulturelle Defizite" sein, die im österreichischen Schulsystem diskriminierend wirken - und zwar für Kinder aus sozial schwachen österreichischen und Migrantenhaushalten gleichermaßen (s. Grafik).

Es sind jene Faktoren, die nicht so sehr mit dem migrantischen Umfeld zu tun haben, sondern mit schichtspezifischen Problemen, bestätigt Migrations- und Bildungsexpertin Gudrun Biffl vom Wirtschaftsforschungsinstitut. "Unsere Arbeiterkinder haben ein vergleichbares Integrationsproblem im Bildungssystem wie Migrantenkinder. Die haben auch kaum soziale Mobilität. Da muss angesetzt werden." (DER STANDARD, Lisa Nimmervoll, Printausgabe, 12./13. November 2005)

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