Geistesblitz: Mitten in der Nacht die RNA erhellen

12. November 2005, 11:00
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Der erst 35-jährige Chemiker Ronald Micura erhielt den "österreichischen Nobelpreis"

Er arbeitet gern in der Nacht. "Da hab ich mehr Ruhe." Ronald Micura mag "das Unregelmäßige" an seinem Job, immer auch dann forschen zu können, wenn er Lust hat. Die Verpflichtungen nehmen zwar zu, seit der Chemiker vor einem Jahr mit 34 als einer der Jüngsten eine Professur an der Universität Innsbruck erhielt, am Institut für Organische Chemie, und auch am interdisziplinären Zentrum für molekulare Biowissenschaften forscht. Oft seien es bis zu dreizehn Stunden am Tag, die er an der Uni verbringe, sagt der gebürtige Linzer, Sohn eines HTL-Tiefbauingenieurs. "Es macht extrem Spaß, vor allem die Arbeit im Team, mit jungen Kollegen." Vergangene Woche hat Micura für seine Arbeiten zur Chemie der Ribonukleinsäure (RNA) den Ignaz-Lieben-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erhalten, die älteste Auszeichnung der Akademie.

1863 von der jüdischen Bankiersfamilie Lieben gestiftet, galt er bis in die Zwischenkriegszeit als "österreichischer Nobelpreis", bevor er 1938 von den Nazis abgeschafft wurde. Seit 2004 wird er wieder vergeben, wiederbelebt durch den als Kind aus Österreich vertriebenen US-Amerikaner Alfred Bader: an junge Wissenschafter aus Staaten der ehemaligen Monarchie für herausragende Arbeiten in Molekularbiologie, Chemie und Physik.

Micura, der sich nach dem Studium der Technischen Chemie in Linz und einem Aufenthalt an der ETH Zürich mit 32 in Innsbruck habilitierte, arbeitet zur chemischen Biologie der RNA, der lang verkannten Schwester des menschlichen Erbgutmoleküls DNA. Bis Ende der 90er galten RNA-Moleküle nur als zweitrangige Boten, die die Anleitungen für den Bau der DNA-Proteine ablesen und in die Ribosomen, die Eiweißfabriken der Zelle, befördern. Seit 1998 das Prinzip der RNA-Interferenz (RNAi) entdeckt wurde, gewann die RNA enorm an Bedeutung. Durch geschickte Steuerung der RNA-Interferenz kann die Produktion einzelner Proteine unterbunden werden. Bestimmte Gene können gezielt ausgeschaltet oder nieder-reguliert werden. Und dies, ohne dass ein Nachbargen in Mitleidenschaft gezogen wird. Dadurch wurde die Grundlagenforschung revolutioniert, die RNA ist nun auf dem besten Weg, der DNA die Show zu stehlen.

Dank einer von Ronald Micura entwickelten Methode können nun RNA-Moleküle besser sichtbar gemacht werden, und zwar im Röntgenlicht. Dafür müssen aus der RNA Kristalle gebildet werden, die das Röntgenlicht streuen und damit die RNA-Struktur dreidimensional zeigen. Der Zauberstoff, der von Micura eingesetzt wird, heißt Selen. Das chemisches Element, dessen schwere Atome deutliche Reflexionen erzeugen, kann an ein RNA-Molekül angehängt werden, ohne dass dabei Struktur und Funktion der RNA verändert werden. Durch die erzeugte Dreidimensionalität können grundlegende Rückschlüsse auf die biologische Funktion der RNA gezogen werden, damit unmittelbarer an Voraussetzungen für das Erzeugen von Nukleinsäure-Therapeutika gearbeitet werden kann. (Benedikt Sauer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 11. 2005)

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    illustration: standard/oliver schopf
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