Archäologische Funde dank Gletscherschmelze in der Schweiz

15. November 2005, 20:14
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Sie belegen einen längst vergessenen Passübergang am Schnidejoch mit 5000-jähriger Geschichte

Bern - Ein schmelzendes Eisfeld hat im Berner Oberland einmalige vor- und frühgeschichtliche Funde ab dem dritten Jahrtausend vor Christus freigegeben. Sie belegen einen bisher unbekannten Passübergang zwischen den Kantonen Bern und Wallis. Auf dem 2756 Meter hohen Schnidejoch kamen unter anderem prähistorische Kliedungsstücke, Köcher und Pfeile, bronzene Gewandnadeln sowie römische Schuhnägel zum Vorschein.

Die Funde seien in ihrer Art für die Schweiz einmalig und in Europa nur mit der 1991 entdeckten Südtiroler Gletschermumie "Ötzi" vergleichbar, hieß es auf einer Pressekonferenz des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern am Freitag.

Erste Funde

In den vergangenen Jahrzehnten und vor allem seit dem heißen Sommer 2003 haben sich die Gletscher im Berner Oberland deutlich zurückgezogen. Vor zwei Jahren fanden Wanderer am Rande des Eises Köcherfragmente aus Birkenrinde. Die Datierung mittels Radiokarbonmethode ergab das erstaunliche Alter von fast 5.000 Jahren. Daraufhin suchte der archäologische Dienst das Gebiet genauer ab und fand zahlreiche Gegenstände sowohl aus prähistorischer als auch aus frühgeschichtlicher Zeit.

Die Eisfunde werfen ein neues Licht auf die kulturgeschichtliche Entwicklung der Alpen. Sie zeigen, dass die Menschen den längst vergessenen Passübergang am Schnidejoch vom Berner Oberland ins Wallis in klimatisch günstigen Zeiten rege nutzten. Man vermute einen regen Verkehr über den Passübergang bereits um 3000 vor Christus, sagte Peter Suter, der Leiter Ur- und Frühgeschichte des ADB. Verschiedene Funde wiesen auf einen Warentransport hin.

Nadel

Eine mit Ritzlinen verzierte Nadel aus der frühen Bronzezeit untermauert bisherige Vermutungen, wonach damals eine direkte Verbindung zwischen dem Wallis und dem Berner Oberland bestanden hat. Änhliche Nadeln wurden auch in Gräbern in Ayent gefunden, einem Dorf am Südhang des Schnidejochs. Aus der Römerzeit stammt der Teil eines Wollgürtels, der vermutlich zu einer Tunika gehörte. Gefunden wurden auch zahlreiche römische Schuhnägel. Ob sie bei der Passüberquerung von Truppen oder von Säumern hinterlassen wurden, ist noch unklar. Aus dem 14. oder 15. Jahrhundert stammt ein Teil eines mittelalterlichen Schuhs.

Mit der Gesamtheit der Funde kann laut Suter die 5000-jährige Geschichte eines bisher unbekannten Passübergangs beschrieben werden. Der Pass sei in der Jungsteinzeit, der Bronzezeit sowie in der Römerzeit und im Mittelalter vermutlich rege benutzt worden, mit Unterbrüchen in dazwischenliegenden kälteren Perioden. Die Funde lieferten damit auch wichtige Erkenntnisse zur Klimageschichte. Die Wissenschafter gehen davon aus, dass das noch nicht vollständig geschmolzene Eisfeld nächsten Sommer weitere Überreste preisgibt. Dabei sei es durchaus möglich, dass auch menschliche Überreste zum Vorschein kämen.

Die Analyse der Funde ist zur Zeit noch im Gang. In welcher Form sie dereinst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, ist noch unklar. (APA/AP/sda)

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