Ölpreise legen Verschnaufpause ein

16. November 2005, 14:01
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Rohölpreise haben sich von ihren Höchst­ständen entfernt - Sollten die Wetter­propheten mit kaltem Winter Recht behalten, könnten Preise rasch wieder steigen

Wien - Die Situation auf den internationalen Rohölmärkten hat sich nach den Turbulenzen der vergangenen Monate, als ein Preisrekord den nächsten jagte, wieder etwas entspannt. Am Donnerstag verzeichneten die Rohölpreise mit rund 57 Dollar je Fass (159 Liter) einen seit mehr als drei Monaten nicht mehr gesehenen Tiefstand.

Händler begründeten den Rückgang mit dem unerwartet kräftigen Lageraufbau bei Rohöl und Benzin in den USA. In der abgelaufenen Woche kletterten die Ölreserven nach Angaben des US-Energieministeriums um 4,5 Millionen Fass, die Benzinvorräte um 4,2 Millionen Barrel. Experten hatten lediglich mit einem Plus von 1,6 bzw. 1,3 Millionen Fass gerechnet.

Kommt hinzu, dass auch das Wetter zu Beginn der Heizsaison auf der nördlichen Welthalbkugel überraschend mild ist. Auch dies sei mit ein Grund für die geringere Nachfrage und den dadurch ausge 3. Spalte lösten Preisverfall, wie die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris in ihrem am Donnerstag veröffentlichten Monatsbericht feststellte.

Ehsam Ul Haq vom Wien- Büro des international tätigen Ölhändlers PVM warnt aber vor überzogenen Erwartungen, die Rohölpreise könnten heuer nachhaltig sinken. "Wenn stimmt, was die Wetterpropheten für Nordamerika und Europa vorhersagen, nämlich dass wir einen kälteren Winter als im vergangenen Jahr bekommen, können die Preise rasch wieder in die Höhe schnellen", sagte Ul Haq im Gespräch mit dem STANDARD.

Höhere Lagerbestände

Faktum ist, dass sich die Rohölpreise deutlich von den Anfang September erreichten Höchstständen von gut 70 Dollar je Fass entfernt haben und schon seit einiger Zeit um gut zehn Dollar darunter liegen.

Auch das im Vergleich zur Nordseesorte Brent und zum amerikanischen West Texas Intermediate günstigere Opec- Öl hat sich weiter verbilligt. Der Preis für Rohöl der Organisation Erdöl exportierender Länder, ein Durchschnittswert von elf Sorten, kostete am Mittwoch 52,20 Dollar, um elf Cent weniger als am Vortag.

Dass die Lagerbestände in den USA höher als erwartet ausgefallen sind ist für PVM- Händler Ul Haq keine Überraschung: "Wenn viele Raffinerien wegen Hurrikan-bedingter Schäden noch immer stillstehen ist klar, dass auch das Öl in den Lagern nicht verarbeitet werden kann".

Gut gefüllte Lager in den USA

Beim Benzin sei es ähnlich. "Die US-Regierung hat kurz nach den Hurrikans zeitlich befristet auch den Import schlechterer Benzinqualitäten mit höherem Schwefelgehalt erlaubt. Europa hat viel Benzin in die USA geliefert, desgleichen Indien. Jetzt sind die Lager dort gut gefüllt."

Weil aber auch die intakt gebliebenen Raffinerien den Output erhöht und fast komplett auf Benzinproduktion umgestellt haben, könnte es bei einem plötzlichen Wintereinbruch und verstärkter Heizölnachfrage zu Engpässen und in der Folge auch Preissprüngen in diesem Segment kommen. Das könnte dann auch die Heizölpreise in Europa wieder in die Höhe treiben, die derzeit ebenfalls deutlich von ihren Höchstständen entfernt sind (siehe Bericht nebenan).

Trotz der weiter starken Nachfrage nach Rohöl vor allem aus China hat die IEA die Prognose für den weltweiten Ölbedarf leicht gesenkt. Demnach werden heuer 1,2 Millionen Fass am Tag nachgefragt, um 70.000 Fass weniger als zuletzt erwartet. (Günter Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2005)

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    Ein plötzlicher Wintereinbruch könnte die Preise wieder in die Höhe treiben.

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