"Der wilde Schlag meines Herzens": Keine Chance auf Erlösung

9. November 2005, 14:01
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"Der wilde Schlag meines Herzens" entwirft das Porträt eines Getriebenen: Der französische Regisseur Jacques Audiard im STANDARD-Interview

Ein korrupter junger Makler und Pianist (Romain Duris) muss in "Der wilde Schlag meines Herzens" mit der Ermordung seines Vaters fertig werden. Frank Arnold im Gespräch mit dem Regisseur.


STANDARD: Was hat Sie 1977 an James Tobacks Film "Fingers" so beeindruckt, dass Sie jetzt ein Remake gedreht haben?

Jacques Audiard: Es war ein wilder Film! Und er beschäftigte sich mit großen Themen wie dem Vater-Sohn-Verhältnis, der Abstammung, der Tatsache, dass man von einem Leben in ein anderes wechselt – all das waren Themen, die mich interessierten.

STANDARD: Ihr Film endet anders als das Original. War es für Sie von vornherein klar, dass es eine Erlösung gibt für den Helden, dass er am Ende den Mörder seines Vaters nicht tötet, als er die Gelegenheit dazu hat – oder hat sich das beim Schreiben entwickelt?

Audiard: Das war für mich vornherein klar, das war für mich sogar eine Bedingung, dass der Film nicht so enden würde, denn ich muss ganz ehrlich zugeben, dass mich auch einiges an dem Toback- Film stört. Der Film ist entstanden in einer Zeit, als ein bestimmter Fatalismus herrschte, und die Romantik des Moments hat Toback vielleicht dieses Ende wählen lassen, vielleicht ist ihm auch kein besseres eingefallen. Ich wollte in meinem Film kein tragisches Ende, das war mir zu einfach. Aber eine Wiedergutmachung, wie sie in dem Wort Erlösung mitschwingt, gibt es eigentlich nicht. Er hat sich verändert, er ist besser geworden, aber bleibt im Grunde doch das, was er ist.

STANDARD: Wie ist Ihre eigene Beziehung zur Musik?

Audiard: Ganz alltäglich – ich konsumiere sehr viel Musik, auch wenn ich selber kein Instrument spiele. Ich schreibe ja sehr viel, dabei höre ich häufig Musik – von Bach bis Pop. Das hat mich auch inte^ressiert an dieser Figur: dass Tom nicht festgelegt ist, sondern von klassischer Musik bis Techno alles ohne Unterschied hört und sich einfügt in die Musik, die er hört, ohne das intellektuell zu werten.

STANDARD: Eine Ihrer ersten Kinoarbeiten war die Adaptation eines Romans von Marc Behm für Claude Millers Thriller "Das Auge"...

Audiard: In beiden Fällen habe ich mir ziemliche Freiheiten genommen. Man muss den Stoff anpassen – in Tobacks Film gab es Dinge, die es so in Frankreich gar nicht gibt, er spielt ja im Milieu der italienischen Mafia in New York –, zum anderen ist der Film sehr festgelegt durch das Genre Gangsterfilm, das wollte ich auch nicht, ich wollte einen realistischen Film drehen. Es gibt in seinem Film auch keine Klavierlehrerin – die wollten wir aber haben, um darzustellen, dass Tom durch die Musik wirklich anfängt zu arbeiten, mit allem, was das auch an Härte und Durchhaltevermögen mit sich bringt.

STANDARD: Sie haben auch einige Drehbücher zusammen mit Ihrem Vater geschrieben. Gibt es eine spezielle Fähigkeit, die er Ihnen vermittelt hat?

Audiard: Als ich begann, mit meinem Vater zusammenzuarbeiten, war ich kein Kind mehr, sondern schon um die 30, also arbeitete ich mit jemandem, den ich sehr gut kannte und der mich erzogen hatte. Was war sein Beitrag? Mein Vater, Michel Audiard, war Drehbuchautor und Regisseur, mein Onkel war Produzent, ein Großteil meiner Familie lebte vom Kino, deswegen war Kino für mich kein Mythos, sondern Alltag. Was ich von meinem Vater gelernt habe, war, keine Komplexe zu haben, nicht erschlagen zu werden von dem Mythos Kino, sondern das Kino als Beruf zu sehen. Ich glaube, mein Vater und seine Generation schätzten das Kino nicht sehr hoch, auch wenn es ihr Beruf war und sie davon lebten – aber es war für sie keine Kunst, es war einfach die Möglichkeit, seine Brötchen zu verdienen. Diese Einschätzung teile ich nicht. Ich war für ihn ein komischer Vogel.

STANDARD: Würde Ihr Vater in der Vater-Sohn-Beziehung im Film in einzelnen Details etwas von Ihrer eigenen Beziehung wiedererkennen?

Audiard(lacht): Symbolisch gesehen vielleicht. Ich habe es sehr bedauert, dass mein Vater gestorben ist, bevor ich meine ersten Filme als Regisseur machte, denn ich hätte gerne weiter mit ihm zusammengearbeitet, nicht an allen Projekten, aber doch an einigen. Er wäre erstaunt gewesen zu merken, wie oft ich von ihm spreche in meinen Filmen.

STANDARD: Ihr Produzent hat vor diesem Film das Remake von John Carpenters "Assault on Precinct 13" gemacht, ein anderer französischer Regisseur hat in den USA einen Thriller mit Bruce Willis inszeniert. Wäre das für Sie auch eine Option oder möchten Sie in der französischen Filmindustrie weiterarbeiten?

Audiard: Warum sollte ich das tun? In Frankreich habe ich Freiheiten, die ich in den Vereinigten Staaten oder anderswo nie haben würde. Ich würde es nur machen, wenn ich mit einem bestimmten Schauspieler arbeiten könnte, das wäre für mich der einzige Grund. Schon seit meinem zweiten Film ist es so, dass ich ein unglaubliches Glück habe und weit gehend das machen kann, wozu ich Lust habe. Ich möchte eigentlich so weiterarbeiten, das einzige Enttäuschende ist, mit bestimmten Schauspielern nicht zusammenarbeiten zu können, zum Beispiel mit Edward Norton. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.11.2005)

Zur Person

Jacques Audiard
, 1952 in Paris geboren, studierte zunächst Philosophie und Literatur an der Sorbonne, arbeitete am Theater und verfasst seit Anfang der 80er-Jahre Drehbücher – nicht selten im Crossover zwischen Genre- und Autorenkino.

1994 erschien sein Regiedebüt "Regarde les hommes tomber". Weitere Filme "Un héros très discret" (1996), "Norme francaise" (1998) und "Sur mes lèves" (2001).
  • Am Rande zum Kriminal träumt ein junger Mann von Selbstverwirklichung als Pianist: Romain Duris in "Der wilde Schlag meines Herzens".
    foto: polyfilm

    Am Rande zum Kriminal träumt ein junger Mann von Selbstverwirklichung als Pianist: Romain Duris in "Der wilde Schlag meines Herzens".

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    Der französische Regisseur und Drehbuchautor Jacques Audiard.

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