Zerbrechliches Miteinander in England

9. November 2005, 15:06
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Sorgen um Jugend auch jenseits des Ärmelkanals

London - Die schweren Ausschreitungen jugendlicher Randalierer in Frankreich erinnern derzeit viele Briten an ähnliche Gewaltexzesse in englischen Städten. Zuletzt lieferten sich Ende Oktober karibische und asiatische Jugendbanden Straßenschlachten in Birmingham, ein Mensch starb.

Sofort wurden Warnungen laut. Die Gewalt zeige, wie zerbrechlich die multikulturelle Gesellschaft Großbritanniens sei, meinten Kommentatoren wie Politiker.

Doch gerade das multikulturelle Nebeneinander, das den ethnischen Minderheiten viele Freiheiten lässt, wird angesichts der Pariser Vorstadt-Krawalle auch als Bedingung eines friedlichen Miteinanders hervorgehoben. Denn die Unruhen in Frankreich seien der beste Beweis, dass das "Beharren auf Integration und Angleichung gescheitert ist", schreibt der liberale Londoner Independent.

Wenig Druck

Tatsächlich übt die britische Regierung wenig Druck aus auf ethnische Minderheiten, denen über 4,5 Millionen Menschen angehören. Muslimische Frauen können Kopftücher tragen, egal, welche Position sie innehaben; Moscheen gehören fest zum Stadtbild britischer Metropolen; viele Geschäfte in Londons "China Town" zeichnen ihre Waren nicht einmal in Englisch aus.

Zudem ist die britische Wirtschaft in einer lang andauernden Boomphase. Die Arbeitslosigkeit liegt bei unter fünf Prozent. Gerade die asiatischen Einwanderer aus dem Commonwealth sind fest im Wirtschaftsleben verankert: Neben Curryrestaurants und -imbissen gehören ihnen tausende Tante-Emma-Läden. Viele Pakistaner und Inder arbeiten als Ärzte oder in anderen Branchen.

Doch die Jugendlichen machen Sorgen. Obwohl häufig in Großbritannien geboren, schotten sie sich ab, fühlen sich weder in der Gesellschaft der Weißen noch in der ihrer Eltern zu Hause. Eine Studie über Freundeskreise fand kürzlich heraus, dass die meisten Menschen in Großbritannien ausschließlich Freunde ihrer jeweiligen ethnischen Gruppe haben. Auch der Vorsitzende der Kommission für ethnische Gleichberechtigung CRE, Trevor Philips, warnt vor einer Abschottung der Kulturen. Großbritannien "schlafwandelt in die Rassentrennung", warnte er kürzlich in einer Rede. Dabei verliefen die Linien zunehmend zwischen Arm und Reich. (dpa/DER STANDARD, Printausgabe, 7.11.2005)

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