FEMA-Boss nahm Katrina locker

15. November 2005, 15:13
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Chef der Katastrophenschutzbehörde kümmerte sich um Krawatten und Hundesitter, während New Orleans versank

Washington/Wien - "Krawatte oder nicht? Blaues Hemd?" Probleme wie diese haben den damaligen obersten US-Katastrophenschützer Michael Brown geplagt, während die Millionenstadt New Orleans in den vom Hurrikan Katrina ausgelösten Fluten versank, die 1.200 Menschen das Leben kosteten. Brown hatte am 12. September nach Kritik an seinem Krisenmanagement als Chef der Katastrophenschutzbehörde FEMA zurücktreten müssen. Vom US-Nachrichtensender CNN veröffentlichte dienstliche E-Mails Browns zeigen nun, wie groß sein Desinteresse am Schicksal der Menschen in New Orleans tatsächlich war.

Zwei Tage nach dem Hurrikan wandte sich der lokale FEMA-Beamte Marty Bahamonde mit einem E-Mail an Brown und beschrieb die Situation in der Stadt als "mehr als kritisch". Sie zählte eine Reihe von Problemen auf, wie fehlende Wasser- und Nahrungsmittelversorgung im "Super Dome" auf, wo tausende obdachlos gewordene Menschen eine zeitweilige Zuflucht gefunden hatten. Die lapidare Antwort Browns auf das Hilfeersuchen lautete: "Danke für das Update. Gibt es irgend etwas Spezifisches, das ich tun oder optimieren könnte?"

Hundesitter

Vielmehr verfasste Brown während der Katrina-Krise Mails zu "überflüssigen Themen", etwa über sein Problem, einen Hundesitter zu finden, kritisiert der republikanische US-Kongressabgeordnete Charlie Melancon, dem über tausend E-Mails von und an Brown vorliegen.

Nur wenige Tage vor dem erwarteten Eintreffen des Hurrikans über New Orleans habe Brown seine Pressesprecherin Sharon Worthy per Mail befragt, was er denn für einen öffentlichen Auftritt anziehen solle. "Krawatte oder nicht heute Abend? Blaues Hemd mit Button-down-Kragen?" Einige Tage später erteilte Worthy ihrem Chef folgenden Ratschlag: "Bitte krempeln sie die Ärmel ihrer Hemden auf, aller Hemden. Sogar der Präsident krempelte die Ärmel bis unter den Ellenbogen hinauf. In dieser (Krise) und im Fernsehen müssen Sie einfach arbeitsamer aussehen."

Als Katrina am 29. August über New Orleans wütete, hatten Brown und seine Pressesprecherin offenbar immer noch keine wichtigeren Sorgen, wie ein E-Mail-Wechsel von diesem Tag beweist. Taylor: "Sie sehen traumhaft aus." Brown: "Ich habe es (das Kleidungsstück) bei Nordstrom (US-Kaufhauskette) gekauft. Sind Sie stolz auf mich?"

Weniger engagiert verfolgte Brown die Aufgabe, für die er eigentlich bezahlt wurde. Hilfsanfragen ließ er tagelang unbeantwortet und vermittelte das Bild völliger Inkompetenz. So wurde er in einem internen E-Mail vom 2. September aufgefordert, die Lieferung von medizinischen Hilfsgütern nach New Orleans zu organisieren. In der Mitteilung hieß es, ein Lastwagen voll mit Betten, Sauerstoffflaschen und Rollstühlen warte darauf, an einen genauen Ort in der Katastrophenstadt geschickt zu werden, wo die Güter benötigt werden. Brown ließ das Mail vier Tage liegen, ehe er es seinem stellvertretenden Stabschef Brooks Altschuler mit dem Vermerk weiterleitete: "Können wir diese Leute gebrauchen?"

Brown war sich offenbar über seine Aufgaben als oberster Katastrophenschützer der USA überhaupt nicht im Klaren. Am Tag des Hurrikans schrieb er seiner stellvertretenden Pressesprecherin Cindy Taylor, die ihm gerade eine Lagebeschreibung übermittelt hatte: "Kann ich jetzt aufhören? Kann ich nach Hause gehen?" Einige Tage später war er sich dann seiner misslichen Lage bereits bewusst, wie aus einem E-Mail an einen Bekannten hervorgeht. "Ich sitze in der Falle, bitte rette mich." US-Präsident W. Bush hatte Brown im Jahr 2003 in den FEMA-Chefsessel gehievt, obwohl er keine Vorkenntnisse im Katastrophenschutz mitbrachte.

Der Vertraute von US-Präsident George W. Bush steht übrigens immer noch auf der Gehaltsliste der US-Regierung, nachdem Heimatschutzminister Michael Chertoff seine endgültige Entlassung zwei Mal um einen Monat verschoben hatte. Als Begründung führte Chertoff an: Browns Kenntnisse seien nötig, um zu ergründen, was beim Katrina-Katastrophenmanagement falsch gelaufen ist. (APA)

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