Dank an Sarkozy

14. November 2005, 08:34
155 Postings

Alarmzeichen, die auf ein gemeinsames europäisches Unbehagen hinweisen - Von Christoph Winder

Exakt heute vor einem Jahr, am 2. 11. 2004, ist der Filmemacher Theo van Gogh von einem islamistischen Fanatiker ermordet worden. Das Verbrechen hat die Beziehungen zwischen autochthonen Niederländern und ihren allochthonen Mitbürgern - das heißt jenen, die selbst oder deren Eltern im Ausland geboren sind - einem Stress ausgesetzt, der noch lange nicht überwunden ist. Das Gedenken an van Gogh fällt mit wüsten Krawallen in französischen Vorstädten zusammen, in der Woche zuvor kam es in Großbritannien zu Straßenschlachten. In Wien heimst die FPÖ mit einem monothematischen Antiausländerwahlkampf 15 Prozent Wählerstimmen ein.

Es wäre simplifizierend, alle diese Begebenheiten unterschiedslos in einen Sack zu stecken. Aber sie sind Alarmzeichen, die auf ein gemeinsames europäisches Unbehagen hinweisen. An seiner Wurzel steckt die mangelhafte gesellschaftliche Integration von Zuwanderern, die - Stichwort: "Parallelgesellschaft" - oft auch dann noch weiterwirkt, wenn Ausländer formal schon lange Inländer geworden sind. Jeder vernünftige Mensch weiß, dass dies ein unendlich komplexes Problem ist, das nur zu lösen ist, wenn soziale, erzieherische und gesetzliche Maßnahmen zusammenspielen und auch die Frage des mangelnden Integrationswillens vorurteilslos angegangen wird.

Manche sehen es freilich einfacher: Der französische Innenminister Nicolas Sarkozy, ein rechter Populist mit Präsidentschaftsaspirationen, fokussiert in diesen Tagen ausschließlich auf die kriminellen Auswirkungen der Integrationsprobleme, denen er mit brachialer Polizeigewalt und einer beschämenden Säuberungsrhetorik beikommen will. Man muss Sarkozy fast dankbar sein: Deutlicher als er kann man kaum demonstrieren, wie man des Problems mit Sicherheit nicht Herr wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.11.2005)

Share if you care.